"Slapstick" im Musiktheater des Aristophanes

Neben der Rolle?

Was wir heute unter Slapstick verstehen, könnte man auch als „chaplinesk“ bezeichnen, denn Charles Spencer Chaplin ist bis zum heutigen Tag Inbegriff dieser Spielform des Komischen, da er mit seinem sehr individualistischen Typus des leidenden und gegen Ungerechtigkeit kämpfenden Tramps weder eine Schule begründet noch Nachahmer gefunden hat, die den Versuch unternommen hätten, sei es nur in parodistischer Absicht, in die Fußstapfen des Originals zu treten.

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In Aristophanes' Komödie Lysistrate gehen die Frauen(Darstellerinnen) mit Webspindeln bewaffnet auf ihre Männer los (Macmillan Films, Staging of Lysistrate, James Thomas 2008).

In Aristophanes‘ Komödie Lysistrate gehen die Frauen(Darstellerinnen) mit Webspindeln bewaffnet auf ihre Männer los (Macmillan Films, Staging of Lysistrate, James Thomas 2008).

Slapstick bedeutet im Theater ursprünglich „Narrenstecken“, wobei der Begriff in der slapstick comedy, der „Radaukomödie“, allmählich eine Bedeutungserweiterung zu einer extravaganten Form der nichtsprachlichen Exponierung einer Rolle erfuhr, zu einer spezifischen, clownesken Art des Auftritts. Was durchaus geplant und Teil einer komplexen, im Falle Chaplins sehr eigenwilligen Choreographie war, wurde als Einlage des unfreiwilligen Tölpels, des in seinem Verhalten überzeichneten Außenseiters zur Belustigung des Publikums interpretiert. Die besondere Art des Gehens und Flanierens dieser Rolle in Persona geht letztlich auf Chaplins Tanzvorführungen als sechsjähriges Kind noch in der Ära der reinen Pantomimenkunst zurück. Und auch wenn die Komödie der Antike kein Pantomimentheater sein wollte, spielen in ihr manierierte und übertriebene Arten der Fortbewegung und der ekstatische Tanz des Chors eine ebenso bedeutende, aber selten funktionale Rolle. Hüpfen, gravitätisches Schreiten und musikalisch rhythmisiertes Hantieren mit Keulen und anderen Gegenständen waren daher Vorbilder für spätere Arten des Ausdruckstanzes und dessen dramaturgische Varianten. Anders als in einer neueren, in ihrer Aufgabenstellung sehr ergiebigen Arbeit über Aristophanes‘ Sprache beschäftigen wir uns in diesem Abriss vorwiegend mit derartigen, aus der szenischen Komposition ableitbaren nonverbalen komischen Elementen.

Aufführung der Komödie "Die Vögel" (V0040121 Library reference ICV No 40693, http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/5d/5f/932f99c471cfd85cf2b476558139.jpg, flickr).

Aufführung der Komödie „Die Vögel“ (V0040121 Library reference ICV No 40693, http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/ 5d/5f/932f99c471cfd85cf2b476558139.jpg, flickr).

Die zahlreichen Möglichkeiten, die die Komödie ihren Autoren und Regisseuren bot, unter anderem Elemente, die heute an den „Slapstick“ erinnern, ergeben sich aus bestimmten strukturellen Voraussetzungen der Form. Von außen betrachtet bestand der Haupteffekt der Alten Komödie in den Unschärferelationen zwischen fiktiver Handlung und der imitierten realen Situation der athenischen Gesellschaft im 5. Jahrhundert. Dabei blieben weder die dargestellte Zeit, noch der Raum oder lebende Persönlichkeiten von dichterischen Freiheiten verschont. Dies trifft auf die Dramen aller uns näher bekanntgewordenen Dichter, nämlich Kratinos, Eupolis und Aristophanes zu, von dem als einzigem elf seiner mehr als vierzig Stücke erhalten sind. Doch schon früher hatten sich mit Magnes und Chionides zwei noch gänzlich unpolitische Theaterautoren durch Komödienaufführungen hervorgetan, in denen die Schauspieler gegen alle Realistik meist Tiermasken trugen. Auch im frühesten Beispiel eines jüngeren Vertreters der Alten Komödie, nämlich in Aristophanes‘ Acharnern, treten Mädchen mit Schweinemasken auf, hier allerdings in einer bestimmten Funktion innerhalb der Handlung einer Szene.

Die häufig getroffene Feststellung, der Ursprung der Komödie als der jüngeren Schwester der Tragödie liege wie bei dieser im Kult, in diesem Falle bekanntlich des Dionysos, sagt jedoch über die Herkunft einiger besonderer, mit Sicherheit archaischer Phänomene der dramatischen Form nichts aus. Solche Besonderheiten können aber heute nur schwer erschlossen werden, da sie zwar für das Publikum sichtbar waren, aber sprachlich nicht erwähnt wurden, und man hat bei Aristophanes an einigen Stellen bemerkt, dass die nicht verbalisierten Vorgänge auf der Bühne die Inhalte der Dialoge sogar dominieren.

Im antiken Theater, in der Tragödie wie der Komödie kamen Trommeln und tamburinähnliche Instrumente zum Einsatz (Burgas Museum of Archaelology, 11.12.2008, p.d.).

Im antiken Theater, in der Tragödie wie der Komödie kamen Trommeln und tamburinähnliche Instrumente zum Einsatz (Burgas Museum of Archaelology, 11.12.2008, p.d.).

Bdelykleons Gebärden in den Wespen, die Philokleon unbeholfen nachzuahmen versucht, sorgten vermutlich für größere Erheiterung als seine Worte. Doch realisiert sich gerade in diesem Schauspiel überwiegend die Sprachkomik in der „vielleicht aktionsreichste[n] aller aristophanischen Sprechpassagen“, nämlich im Prolog, den Gerrit Kloss als „Slapstick-Szene“ identifiziert. Philokleon soll hier am Ausbruch aus seinem Haus gehindert werdenWie in anderen Fällen geht die Stelle der Parodos unmittelbar voraus, doch sorgen die hektischen Positionswechsel des Bewachten in Verbindung mit „sprachlichen Albernheiten“, seltenem Vokabular und Namenspiel für „eine dichte Folge komischer Momente auf der Ebene des Dialogs.“

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.