"Slapstick" im Musiktheater des Aristophanes

Neben der Rolle?

Vom Hauptrepräsentanten der griechischen Alten Komödie, Aristophanes (ca. 450 - 385 v. Chr.) , sind nur 11 Komödien von insgesamt 46 Stücken erhalten (Vignette 1896 aus Ancient and Modern Connoisseur Edition vol. II).

Vom Hauptrepräsentanten der griechischen Alten Komödie, Aristophanes (ca. 450 – 385 v. Chr.), sind nur 11 von insgesamt 46 Stücken komplett erhalten (Vignette 1896 aus Ancient and Modern Connoisseur Edition vol. II).

Phantasievolle Einfälle des Dichters bewirken komische Effekte, wenn sich die in logischer Konsequenz auftretenden Figuren in einer Maskierung zeigen, die eine ihrer Eigenschaften drastisch zum Ausdruck bringt. Die unangenehme Neigung der alten Richter in den Wespen, ihre angeklagten Opfer zu piesacken, lässt sie in entsprechendem Tierkostüm – mit langen Stacheln statt wie aus dem Kult des Dionysos vertraut mit Lederphalli – auftreten. Dabei nimmt Aristophanes mit den Richtern am Ende die Streitsucht der athenischen Bürger aufs Korn. Mit „Stechen, Lärmen und Schwärmen“ und Tanzen im Kreis gibt der Dichter als Regisseur das Verhalten der Schauspieler auf der Szene vor. Oder die Handlung als solche driftet ganz ins Reich der Phantasie ab: Im Frieden fliegt zur Verblüffung des Publikums der Weinbauer Trygaios, auf einem riesigen Mistkäfer sitzend, zu Zeus in den Himmel, um ein Ende des Krieges zwischen Athen und Sparta zu erwirken.

Besonders hervorzuheben ist neben der formalen Vielfalt, die sowohl durch die Verwendung entlegener Versmaße neben dem üblichen jambischen Trimeter auffällt als auch in den teils „harten“ Übergängen zwischen Chorliedern, Chorszenen und der eigentlichen Handlung, der dramaturgisch nicht vorbereitete Überraschungsauftritt, der sich allerdings in Bezug auf den Hauptprotagonisten der Handlung niemals zufällig ereignet, nur auf den Zuschauer diese Wirkung ausübt. Dieser ist Kennzeichen der satirischen und ironischen Behandlung nicht nur des Alltagslebens und der hohen Politik, sondern auch der Paratragodie wie im Falle der Acharner von Euripides‘ Telephos. Einen derben Seitenhieb auf Euripides erlaubt sich Aristophanes übrigens auch mit dem Auftritt der abstoßend gekleideten Muse des Tragikers in den Fröschen, die mit Topfscherben als Kastagnetten aufspielt, dies im Übrigen eine der sehr seltenen Slapstick-Szenen mit Frauenfiguren. Besonders drastisch und unmittelbar wirkt die Überrumpelung des Publikums beim Hereinpoltern des personifizierten Krieges mit seinem riesigen, bedrohlichen Mörser im Frieden. Gewaltsam wie hier und komisch zugleich erscheint das Eindringen der mit Webspindeln bewaffneten Frauen auf ihre Männer in der Lysistrate. Unerwartete Ereignisse und Wandlungen haben, anders als in der Tragödie, wo sie in Verbindung mit dem angestrebten Schluss stehen, allerdings keine Konsequenz, sie müssen dem Publikum verselbstständigt und „ziellos“ erscheinen. Ob der ebenso belegte umgekehrte Fall, nämlich dass eine Szene mit dem Weggang von Charakteren endet, die dann – wider Erwarten – überhaupt nicht mehr auftreten, Ausdruck eines kompositorischen Mangels der jeweiligen Komödie war, lässt sich nicht bestätigen.

Dionysos' Diener Xanthias reitet in den "Fröschen" auf einem Esel sitzend auf die Bühne ein (Vase F233 Pourtales collection, Jastrow 2007, p.d.).

Dionysos‘ Diener Xanthias reitet in den „Fröschen“ auf einem Esel sitzend auf die Bühne ein (Vase F233 Pourtales collection, Jastrow 2007, p.d.).

Es handelt sich bei effektheischenden, plötzlichen Einbrüchen in die Handlung aber nicht nur um das Erscheinen grotesk überzeichneter oder bekannter, aber durch ein bestimmtes Merkmal veränderter mythischer Figuren, sondern häufig auch um die fiktive Hauptperson, die durch bestimmte Umstände, in die sie hineingeraten ist, bedroht wird. Der Bauer Dikaiopolis sucht durch überstürzte Handlungen gegenüber den Acharnern, die ihn steinigen wollen, seinen Kopf zu retten. Verglichen mit der Tragödie ist die sichtbare Handlung in der Komödie damit viel bewegter. Darüber hinaus zeigt sich auch, dass sie die offenere Form des Schauspiels darstellt; je weiter sie sich öffnet, desto absurder entwickelt sich die Handlung: In fünf hektischen Spielminuten wird Dikaiopolis, der gerade begonnen hat, die Waren in seinem selbst errichteten Markt anzupreisen, von einem Boten in den Krieg abberufen und von einem anderen zum Abendessen eingeladen. Eine noch grundlegendere Verblüffung des Publikums ergibt sich also durch raumzeitliche Verschiebungen, wenn etwa Dikaiopolis, ohne dass dies angekündigt oder sichtbar vorbereitet würde, mitten im Vers durch sein Betreten der Skene die Schauplätze zwischen Stadt und Landgut wechselt.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.