"Slapstick" im Musiktheater des Aristophanes

Neben der Rolle?

Der Ursprung der spielerischen, scheinbar funktionslosen Elemente in der Komödie wird schon seit Langem mit dem zu Grunde liegenden Ritus begründet, aus dem brauchtümliche Elemente übrig geblieben sind, die nicht in Beziehung zur Komödienhandlung stehen. Gelzer, den Bierl zitiert, hat das Sprechen des Chors in der Parabase selbst als „rituellen Überrest“ verstanden, „der weder funktionell adaptiert noch in den Plot integriert“ sei. Die Gefahr der so hergeleiteten radikalen Offenheit der Komödie liegt möglicherweise darin, dass sie in Belanglosigkeit und Trivialität, in bloße Clownerie „zurückfallen“ bzw. ausarten kann, die man sich eher von Zirkusakrobaten als von Schauspielern erwarten würde. Doch ist Aristophanes realistisch genug, im rechten Moment zur Haupthandlung zurückzukehren.

"Musikstunde" auf einer griechischen Vase (Staatliche Antikensammlungen München, Bibi Saint Pol, own work, 2007).

„Musikstunde“ auf einer griechischen Vase (Staatliche Antikensammlungen München, Bibi Saint Pol, own work, 2007).

Während skurrile Situationen auf der Ebene der Dialoge dadurch entstehen, dass metaphorische Rede wörtlich genommen wird, sorgen Gesten und Gegenstände auf der Orchestra für Neugier und Lacheffekte, die oft nur unvollständig oder andeutungsweise durch den Sprechtext identifiziert werden können. Manchmal ist keine Beziehung zur Handlung, höchstens zum Ambiente des Bühnenbildes zu erkennen wie in den Vögeln, als Peithetairos mit einer Fangschlinge auftritt oder wenn Dionysos in den Fröschen auf dem Ruder von Charons Boot Platz nimmt. Auch platzen manche Darsteller ohne erkennbare Beziehung zur Handlung in die Szene: In den Vögeln erscheint ein Flötenspieler als Rabe verkleidet, während eines Liedes taucht in den Acharnern Dikaiopolis in der Tür auf, um Federn zu werfen. Sind in der antiken Tragödie Sprache und Handlung genau aufeinander abgestimmt, lässt sich dagegen bei Aristophanes feststellen, dass Vorgänge wie diese überhaupt keine Beziehung zur dramatischen Handlung aufweisen – oder allenfalls eine flüchtige.

Die als Vögel verkleideten Akteure des Chors im gleichnamigen Stück flattern und stolzieren piepsend und krächzend wild durcheinander über die Bühne und verstärken damit den exotischen Eindruck des Spiels. Als Zwerg und Krabben verkleidete Mimen führen am Ende der Wespen einen von der Handlung weitgehend unabhängigen, grotesken Tanz auf, der Chor räumt ihnen das Feld, „damit sie lustig springen und ungestört wie die Kreisel im Wirbel sich drehen.“ Dieser Exodos ist eindeutiger Beleg für die im Kult und in der Feier wurzelnde dichterische Freiheit der Seitenszenerien. Bei einer Formbetrachtung der Komödie, auch im Hinblick auf die Aufführungspraxis, fällt der deutliche Gegensatz zwischen der oft funktionslosen Slapstick-Szene und dem ritualisierten Chortanzlied besonders auf. Wer nach heutigen Maßstäben diese Eigenwilligkeiten als seltsam empfindet, sollte nicht vergessen, dass die Komödienautoren mit solchen Mitteln auch ganz absichtlich die dramaturgischen Normen der Tragödie zu verletzen beabsichtigt haben.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.