"Slapstick" im Musiktheater des Aristophanes

Neben der Rolle?

Das Amphitheater in Dodona wurde nach Aristophanes' zeit gebaut und umfasste 18.000 Sitzplätze (D. Swift, 19.8.2005).

Das Amphitheater in Dodona wurde nach Aristophanes‘ zeit gebaut und umfasste 18.000 Sitzplätze (D. Swift, 19.8.2005).

Noch häufiger als bezugslose Momente hat wohl die Inkongruenz der auftretenden Figuren zu ihrer Rolle oder zur Erwartung ihres dramatischen Handelns Gelächter provoziert. Dabei macht Aristophanes weder vor obszönen Derbheiten noch vor der Herabsetzung lebender Persönlichkeiten Halt. Komisch wirkt es, wenn Dikaiopolis den Odomanten, einem Volksstamm der Thraker, ihren stumpfen Phallos vorhält. Pseudartabas tritt als riesiges kostümiertes Auge eines persischen Königs auf, dessen Sprache sich in Kauderwelsch äußert.

Euripides sitzt im Bettlerkostüm in einer Hängematte, in den Rittern wird gegen den real existierenden Feldherrn Kleon ein Wursthändler aufgebaut, wobei der zunächst fettleibige alte Herr Demos als Rat und Volksversammlung in personaler Einheit gewonnen werden kann. Schließlich kommt dieser verjüngt auf die Bühne, „in altertümlicher, festlicher Tracht“, wie die Regieanweisung vorsieht. Der plötzliche Wandel vom parteiischen Lüstling in einen besserungswilligen Mann in der Blüte seiner Jahre am Ende erscheint unmotiviert. Der unbefangene Leser wird dann auch weiter im Unklaren gelassen, ob hier ein Wunder geschehen sein soll oder ob Demos und der Wursthändler damit erst am Schluss ihr wahres Ich, nämlich das des Wohltäters, gezeigt haben. Ein „Happy End“ in diesem Sinne wäre beim frühen Aristophanes aber dramaturgisch kaum denkbar. In den Wespen beginnt der Hund von Kydathen gegen den angeblich diebischen Hund von Labes auszusagen, eine Anspielung auf den Rechenschaftsprozess gegen den in Sizilien agierenden Feldherrn Laches von Aixone, den wohl Kleon wesentlich mitzuverantworten hatte. Überdies tritt in der seltsamen Runde eine verständige Käseraspel auf, die in einer Zeugenanhörung, veranlasst durch Antikleon, mit ihrem Nicken gesteht, sie habe für das Heer Käse kurz und klein geschnitten.

Szenerie aus "Lysistrata" auf dem Cover des Life Magazine (20.2.1913, US p.d.).

Szenerie aus „Lysistrata“ auf dem Cover des Life Magazine (20.2.1913, US p.d.).

In den Thesmophoriazusen bot sich der Geschlechterwechsel durch Verkleidung natürlich an, da es um die Verweigerung der Frauen gegenüber ihren Männern geht: Agathon erscheint auf dem Ekkyklema in prächtigem weiblichem Ornat, mit Haarnetz, Busenband, Spiegel und Ölflasche, außerdem mit einer Zither, zu deren Klängen er mit weicher Stimme ein Lied anstimmt. Ihm korrespondiert der als weichlich dargestellte, glattrasierte Kleisthenes, der die sich emanzipierenden Frauen als „verwandte Schwesterseelen“ anspricht. Dabei ist zwar zu berücksichtigen, dass sich der Dichter Agathon deshalb als Frau verkleidet, weil er ein Drama mit einem Frauenchor komponieren will, doch lässt sich der damit verursachte, auf Nachahmung beruhende Vorgang immer noch als komisch deuten. Paradox, nämlich wie Männer mit Backenbart und anderen Attributen verkleidet, erscheinen dann die verschworenen Frauen in den Ekklesiazusen, die ihre Männer um die Hosen beraubt haben; diese sind somit skurrilerweise gezwungen, wiederum die Kleidung ihrer Frauen anzulegen. Die beobachtete Inkongruenz zischen Figuren und ihren „regulären“ Rollen weitet sich auch auf Requisiten aus, insofern Alltagsgegenstände wie der auf der Bühne in seiner Symbolhaftigkeit verbleibende Kissenpfuhl der Lysistrate in ihrer Bedeutung unverhältnismäßig aufgewertet oder genuin heroische Utensilien abgewertet werden.

Andererseits führt das übertriebene Verhalten einer Figur in ihrer Rolle zu sichtbaren komischen Wirkungen oder verstärkt diese noch. Die Wandlung des Herrn Demos in den Rittern erfährt eine besondere komische Steigerung durch Auftritte in verschiedener Kleidung, die seine Weiterentwicklung mit alternativen Mitteln darstellen sollen. Der ohnehin als Sophist gebrandmarkte Sokrates der Wolken geht, seinen Anspruch betonend, gravitätisch auf und ab, während er seinen Gastschüler Strepsiades auf dem Faulbett philosophieren lässt. Strepsiades, der seinen verschwenderischen Sohn Pheidippides, einen Pferdenarren, in der Philosophenklause belehren lassen will, wie er mit den Gläubigern des Vaters umgehen muss, schlägt mit bäuerischer Ungehaltenheit gegen die Tür der weltfremden Klausner, ein Auftritt mit slapstickhafter Wirkung, da er den radikalen Gegensatz des Alten zu den modischen Philosophen unterstreicht. Dieser übertriebene Zug in der Figur wird auch deutlich im triumphierenden Tanz und Gesang des Alten, nachdem Sokrates ihm die bereits erfolgte Verwandlung seines Sohnes in einen ökonomisch denkenden Menschen angedeutet hat. Charakterisierende Züge wie diese weisen bereits auf die Typenkomödie voraus, wie sie sich ein Jahrhundert später, bei Menander, festigt. Gerade in den Wolken ist die überdeutliche sprachliche Exponierung komischer Eigenschaften und Handlungen von Figuren geradezu Voraussetzung für den Slapstick-Auftritt, der sich, bewusst im Gegensatz zur sprachlichen, als eine rein performative Spielart des Komischen ausprägt.

Eine Maske repräsentiert die antike Komödie gegenüber der Tragischen Muse zu ihrer Linken (2. nachchristliches Jahrhundert, Palazzo Nuovo Rom, Kapitol. Museum, 12830396085, Carole Raddato, 8.2.2014, p.d.).

Eine Maske repräsentiert die antike Komödie gegenüber der Tragischen Muse zu ihrer Linken (2. nachchristliches Jahrhundert, Palazzo Nuovo Rom, Kapitol. Museum, 12830396085, Carole Raddato, 8.2.2014, p.d.).

Im Frieden tanzt der Chor, seinem gewohnten Einsatz im Parodos unangemessen, zu lange und wird von Trygaios mehrfach aufgefordert, das „Hopsen“ sein zu lassen. Der verfehlte Stolz des Wiedehopfs wird in den Vögeln karikiert: Gravitätisch auftretend, im Gegensatz dazu aber zu kärglich und als Maske zu ungeschickt, mit „krummem Schnabel“ ausgeführt, kommt der sprechende Wiedehopf auf die Auswanderer Peithetairos und Euelpides zu. Ein völlig groteskes Bild und gleichzeitig eine echte Lachnummer gibt die Erscheinung des Prometheus in der gleichen Komödie  mit einem Sonnenschirm in der Hand ab, mit dem er sich ängstlich vor den Göttern zu verstecken sucht. Der Schirm als Requisit verstärkt die Furcht der Figur vor erneuter Bestrafung.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.