"Slapstick" im Musiktheater des Aristophanes

Neben der Rolle?

Durch ihre Attribute überzeichnet erscheint die als Gag zur Überleitung in die Schlussszene beabsichtigte Abordnung der Götter: Poseidon mit Dreizack, Herakles mit Löwenfell und Keule, der Triballer als Vertreter der thrakischen Barbarengötter mit Prügel und einem Mantel, den er ungeschickt umwirft. Grotesk soll wohl auch der Einzug der alten Männer in der Lysistrate mit Glutpfannen und Holzklötzen vor der Akropolis wirken. Die Parodierung der Tragödie an sich in einem mehr formalen Sinn findet in den Ekklesiazusen statt, wenn der von einer alten Frau unfreiwillig, aber dem Gesetz entsprechend verführte Jüngling in übertriebener „tragischer Manier“ in einem Lied sein Schicksal beklagt. Auftritte von Betrunkenen üben ebenso wie die von abgesonderten Intellektuellen wie der Sokratesfigur in den Wolken eine erheiternde Wirkung aus, so die Magd, die in den Ekklesiazusen Praxagoras‘ Mann Blepyros zum Essen einlädt und ihm ohne Atempause ein Sammelsurium von kulinarischen Spezialitäten aufzählt. In Wirklichkeit wird es aber nur einfachen Erbsenbrei geben.

Als Aristophanes‘ Kunst mit den Frauendramen allmählich in die entpolitisierte Phase der „Mittleren Komödie“ übergegangen ist, zeichnet sich auch eine stärkere formale Kongruenz zwischen Allegorie und Darstellungsform ab, etwa in der Figur der „Armut“, der mageren Penia, im Plutos, die, eigentlich entgegen der Spielart der Komödie, in angemessen trister Kleidung auftritt. Die Neigung zu echten Slapstickszenen fehlt in den beiden letzten Stücken völlig, wenn man von einer sprachlichen Parodierung des Publikums selbst absieht, bei der ein Theaterbesucher von der Frau des Chremylos, die Feigen in den Zuschauerraum geworfen hat, die eigentlich der „Reichtum“ in Persona beansprucht, mit einer übertriebenen Reaktion dem Gelächter ausgesetzt wird: „Sieh da, wie Dexinikos / gleich aufsprang, um die Feigen aufzuschnappen.“

Chor auf Stelzen auf einer griechischen Vase (Inv. Nr. VEX 2010 3 65, Getty Museum, Remi Mathis 2011).

Chor auf Stelzen auf einer griechischen Vase (Inv. Nr. VEX 2010 3 65, Getty Museum, Remi Mathis 2011).

Einige Charaktere in der Aristophanischen Komödie sind für den „Slapstick“   prädestiniert, auch wenn der Dichter selbst dies in der Parabase der Wolken verleugnen möchte, indem er den Chor als Stellvertreter seiner Person singen lässt: „… Gleich Elektra kommt sie denn nun diesmal, die Komödie … / Lässt sich nicht an Glatzköpfen aus, hopst im Kordax nicht herum / Lässt nicht einen Greis seinen Stock deklamierend schwingen auf / seinen Partner – daß man nicht merke, wie es ihm an Witz gebricht. / Stürmt auch nicht mit Fackeln herein, heult und brüllt nicht Ju, Juhu! …“ Hier bewertet Aristophanes indirekt selbst rein visuelle Umsetzungen des Komischen als negativ und abgeschmackt, doch hat er sich selbst nicht einmal im gleichen Stück an diese Meinung gehalten. Der Grund dafür liegt wohl in der beabsichtigten Selbstparodie, ein uns heute sympathisch erscheinender, da ausgleichender Zug, der den Athener einmal mehr zum „typischen“ Komödienautor macht.

Die Bevorzugung selbstkarikierenden Verhaltens gilt aber ausnahmslos für die mehr realistisch und vielfältig gezeichneten Hauptfiguren mit langen und häufigen Monologen und Dialogen: vor Allem für Philokleon in den Wespen, dann auch für  Dikaiopolis, den Wursthändler und Dionysos. Komisch wirkt es auf uns heute auch, wenn gelegentlich Personen plötzlich auf die Bühne laufen wie Dikaiopolis, um den Kohlenkorb zu holen oder Strepsiades, um Gockel und Henne mitzunehmen und kurz danach oder wenig später wieder aufzutauchen. An solchen Stellen hätte der Theaterbesucher der Antike normalerweise eher stumme Komparsen oder Bühnenarbeiter erwartet. Das, was im eigentlichen Sinne als Slapstick wirkt, sind die jähen, plötzlichen Auftritte und Veränderungen, die unerwarteten Momente, die einen Sinn im Zusammenhang der Handlung vermissen lassen.

Bei all diesen Merkwürdigkeiten geht es jedoch, und hier folgt Aristophanes der grundlegenden Eigentümlichkeit der frühen Komödie, nicht darum, Figuren als Clowns zur Belustigung der Zuschauer auf die Bühne zu bringen, sondern in ihr bestimmte Gruppen des Bürgertums, Berufsstände oder auch realhistorische Personen wie Kleon und Euripides in ihrem Verhalten überzeichnet darzustellen und mit nonverbalem Spott zu treffen. Durch ihr Aussehen, Paradoxien im Auftritt und durch die Sprache, die sich oft mit drastischer Deutlichkeit im Dialekt offenbart, karikieren sie sich selbst, ohne dass noch ein Kommentar einer anderen Figur dazu notwendig wäre. Besonders häufig erweisen sich, wie Gerrit Kloss gezeigt hat, Szenen, in denen Ernährung eine Rolles spielt, als Passagen von Handlungs- und Wortkomik. Obszöne Ausfälle stehen wie selbstverständlich neben der erhabenen Rhetorik zitierter Tragödienverse. Ebenso zeigt die Sprache häufig metaphorische Wendungen, die in ihrer drastischen Bildlichkeit an Situationskomik denken lassen, so, wenn etwa der Dichterkonkurrent Eupolis in der Parabase der Wolken als „gewendeter Rock“ bezeichnet wird.

In dieser Einspielung von Walter Braunfels' Oper "Die Vögel" nach Aristophanes' Stück dirigiert James Conlon das Los Angeles Orchestra (Bluray B0046HCOLG Naxos Dtl. 2010).

In dieser Einspielung von Walter Braunfels‘ Oper „Die Vögel“ nach Aristophanes‘ Stück dirigiert James Conlon das Los Angeles Orchestra (Bluray B0046HCOLG Naxos Dtl. 2010).

Mit Aristophanes wurde im Jahr 385 v. Chr. in seiner Geburtsstadt und Wirkungsstätte Athen ein Dichter zu Grabe getragen, der sich schon in frühen Jahren der Komödie als einer Form der politischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart bedient hatte, wobei ihm seine eher konservative Gesinnung wohl geholfen haben mag, Anfeindungen prominenter Personen des öffentlichen Lebens, die er angegriffen hatte, unbeschadet zu überdauern. Da an bestimmten Tagen, den Lenäen und städtischen Dionysien zu Jahresbeginn, insofern Narrenfreiheit bestand, als Komödien mit spottlustigen Reden und Parodien aufgeführt werden durften, konnte er sich in diesem Rahmen seiner politischen Immunität als Künstler sicher sein. Der Umstand, dass ihm darüber hinaus große formale Freiheiten in der Gestaltung der Orchestra, in der Ausstaffierung seiner Figuren und in den Möglichkeiten ihres Aktionsradius zugestanden waren, wird er im Verhältnis zu den größeren Beschränkungen, die den Tragödiendichtern auferlegt waren, sehr geschätzt haben. Anders als bei dem mit Vorliebe parodierten Euripides konnte er Schwerpunkte verlagern, die visuellen Aspekte gegenüber dem Dialog hervorkehren oder „verspielte“ dramatische Nebenszenen nach Slapstickmanier und ohne tiefere Bedeutung platzieren, wo er es wollte. Die relative demokratische Freiheit der Stadtverfassung erlaubte es ihm sein ästhetisches Anliegen in die Tat umzusetzen und die Regeln von Statik, Ordnung und Hierarchie „anarchisch“ zu unterlaufen.

Literatur zum Thema:

Anton Bierl: Der Chor in der Alten Komödie. Ritual und Performativität. München und Leipzig 2001. (= Habilitationsschr. Leipzig 1999)
Paul Cartledge: Aristophanes and his theatre of the absurd. Bedminster 1990.Martin Hose: Kleine griechische Literaturgeschichte. Von Homer bis zum Ende der Antike. München 1999.
Gregory W. Dobrov (Hg.): Beyond Aristophanes. Transition and Diversity in Greek Comedy. Atlanta 1995. (American classical studies; 39)
Gerrit Kloss: Erscheinungsformen komischen Sprechens bei Aristophanes. Berlin, New York 2001. Habilitationsschrift Göttingen 2000 (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Band 59)
Dieter Krusche: Reclams Filmführer. Unter Mitarbeit von Jürgen Labenski. Achte neubearbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart 1991.
Natalia Kyriakidi: Aristophanes und Eupolis. Zur Geschichte einer dichterischen Rivalität. Berlin, New York 2007.
Manfred Landfester: Handlungsverlauf und Komik in den frühen Komödien des Aristophanes. Berlin, New York 1977. (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Band 17.)
Peter von Möllendorff: Aristophanes. Hildesheim, Zürich, New York 2002.
Hans-Joachim Newiger (Hg.): Aristophanes und die alte Komödie. Darmstadt 1975.
ders: Metapher und Allegorie. Studien zu Aristophanes. 2. Aufl. Stuttgart 2000.
Joe Park Poe: Multiplicity, Discontinuity and Visual Meaning in Aristophanic Comedy. In: Rheinisches Museum für Philologie. Neue Folge. 143. Heft 3-4. Frankfurt am Main 2000. S. 256 – 295.
Michael S. Silk: Aristophanes and the definition of comedy. Oxford 2000.
Bernhard Zimmermann: Die griechische Komödie. Düsseldorf, Zürich 1998.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.