Vom Barock über die Gegenwart zur Klassik

«En suite» und darüber hinaus

In der gedanklichen Tiefe der harmonischen Strukturgebung und was den melodischen Einfallsreichtum betrifft, steht Jan Dismas Zelenkas Suite in F-Dur den vier quasi gleichzeitig entstandenen Ouvertüren J.S. Bachs für Orchester – nämlich um 1723 herum – in nichts nach. Dies konnte Samuel Bächli mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt am Donnerstagabend erneut verdeutlichen, nachdem seit einem Hype in den 1980er Jahren die Renaissance des tschechischen Komponisten aus Louňovice wieder etwas abgeebbt ist. Hinsichtlich der Modulationen zeigt sich Zelenkas Stil ähnlich geschmeidig wie derjenige des Leipziger Thomaskantors. Und auch die Folia als Schlusssatz betörte die Audienz vergleichsweise lebendig und ausgelassen, zumal das Zusammenspiel der Musiker auf Klarheit und Detailliebe bedacht war. Besonders klangschön präsentierten sich Oboe und Fagott.

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Klarinettist und Komponist: Jörg Widmanns "Suite" für Flöte und Orchestergruppen wurde zum ersten Mal im Mai 2011 in Cleveland / Ohio aufgeführt (own photography, 8.2.2006, p.d.).

Klarinettist und Komponist: Jörg Widmanns „Suite“ für Flöte und Orchestergruppen wurde zum ersten Mal im Mai 2011 in Cleveland / Ohio aufgeführt (own photography, 8.2.2006, p.d.).

Handelte es sich im ersten Teil des 7. Erfurter Symphoniekonzerts der Saison der Besetzung nach um ein kammersymphonisches Werk, so erforderte Jörg Widmanns erst vor fünf Jahren getaufte Flûte en suite ein romantisches Symphonieorchester mit ein paar Zusätzen. Dem Willen des Komponisten gemäß wurde daraus eine eher kleinteilige Abfolge von barocken Tanzsätzen mit Reminiszenzen, wobei abgesehen vom Schluss in jedem Satz der Solo-Traversflöte unterschiedliche Orchestergruppen zugeordnet werden. Etwas Neues sollte sich hier entwickeln, das dennoch Werte der Tradition spiegeln und aufnehmen konnte: so die imitatorische kontrapunktische Technik in der anfänglichen Allemande und eine Barcarole – das venezianische Gondellied – vor der Cadenza.

Sonnenuhr als Symbol des Vergänglichen auf dem Denkmal für den großen tschechischen Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka (1679 - 1745) in Lounovice ( Ivan Rozkošný, 30.3.2014).

Sonnenuhr als Symbol des Vergänglichen auf dem Denkmal für den großen tschechischen Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka (1679 – 1745) in Louňovice (Ivan Rozkošný, 30.3.2014).

Der Schweizer Flötist (und Mathematiker) Dieter Flury zeigte mit seinem Einsatz an diesem Abend einmal mehr, wie spannend er die jüngste und gleichzeitig abenteuerlich schwierige Literatur für sein Instrument findet und ohne Scheuklappen auch aktuelle Tendenzen aufgreift und sich zu eigen macht. Die knappen Bach-Zitate in der auch hier abschließenden Badinerie fügen sich – Widmanns Absicht belegend – organisch in neue Strukturen ein, könnten aber genauso als Widerhall der Tradition aufgefasst werden. Vom Respekt für das Vergangene zeugt hier ebenso die Verwendung des Cembalos.

Im Theater Erfurt: Das 7. Symphoniekonzert der Saison am 11. und 12.2.2016 steht unter der Ägide von Samuel Bächli (Dguendel, 22.5.2011).

Im Theater Erfurt: Das 7. Symphoniekonzert der Saison am 11. und 12.2.2016 stand unter der Ägide von Samuel Bächli (Dguendel, 22.5.2011).

 

Nach der zuerst indirekten, dann sehr unmittelbaren Hommage an Bach wurden die Zuhörer nach der Pause Zeugen einer völlig anderen, satztechnisch weit weniger herausfordernden symphonischen Ästhetik. Wegen seiner für die Zeit ungewöhnlich großen Schlagzeugbesetzung mit Becken, Großer Trommel und Triangel bezeichnete Haydn seine 100. gleichzeitig als Militär-Symphonie, obwohl sich wenig darin findet, was an aufmarschierende habsburgische Heere denken lassen könnte. Vielmehr handelt es sich um eine Reverenz an die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts äußerst beliebte „Janitscharenmusik“ im Zuge der Türkei-Mode, der ja auch Mozarts Rondo alla turca zu verdanken ist. Die Subtilitäten innerhalb einer heute eher als normativ empfundenen symphonischen Sprache wurden, ohne jemals zu übertreiben, von Samuel Bächli herausgehoben, ebenso die Partien, in denen sich Unerwartetes ereignet. Das Orchester selbst zeigte sichtliches Vergnügen an einer Symphonie, die sonst nicht eben selten in den Konzertprogrammen zu finden ist.

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.