Wer glaubte, dass es sich bei den Flamenco-Events an Barcelonas Promenade Les Rambles um touristische Kommerzangebote handelt, musste sich am vergangenen Mittwochabend eines besseren belehren lassen: Im Teatro Poliorama waren „cantaores“ in der ungeschminkten Tradition der Gitanos zu hören und die aberwitzig (rhythmisch) komplexe Steppkunst der „bailaores“ zu erleben. Dem musikalischen und tänzerischen Kraftakt entsprechend konnte die Aufführungsdauer kaum mehr als eine Stunde beanspruchen – zumal die Regie den Darstellerinnen und Zapateado-Künstlern keinen Moment Atempause gewährte.

Das legendäre Teatro Poliorama in Barcelona steht für Flamenco-Shows erster Kategorie. Hier findet derzeit regelmäßig die Show Opera y Flamenco statt (Canaan, 29.1.2015).
Das legendäre Teatro Poliorama in Barcelona steht für Flamenco-Darbietungen erster Kategorie. Hier findet derzeit regelmäßig die Show Opera y Flamenco statt (Canaan, 29.1.2015).

In das von Anfang an rhythmusdominierte Konzept waren alle Akteure auf der Bühne permanent einbezogen; selbst der Pianist, der bei den eingestreuten weniger bekannten Arien für Sopran und Bariton aus Opern von Verdi, Bizet und spanischen Komponisten sekundierte, schloss sich – wenn er nicht am Flügel saß – dem Schlagwerk klatschend und klopfend an. Die Sopranstimme wirkte gemessen an der Größe des Theaterraums beinahe zu voluminös. Choreograph und Tänzer Rafael Amargo konnte erneut beweisen, dass er einmal den Ursprüngen des Flamenco in Spanien verpflichtet ist, andererseits mit der Entwicklung moderner tänzerischer Ausdruckformen Schritt hält und diese selbst vorantreibt. Nicht ohne Grund gewann er mit seinem Team das Tripadvisor Certificate of Excellence 2015.

 

Schulterschluss mit Künstlern aus Bahia - Rafael Amargo (rechts) wurde ein Jahr nach dieser Aufnahme für 10 Jahre Flamencokunst am Teatro Poliorama ausgezeichnet (Negro Joya, 13.8.2013, p.d.).
Schulterschluss mit Künstlern aus Bahia – Rafael Amargo (rechts) wurde ein Jahr nach dieser Aufnahme für 10 Jahre Flamencokunst am Teatro Poliorama ausgezeichnet (Negro Joya, 13.8.2013, p.d.).

Bekanntlich ist es für Nichteingeweihte, also ausländische Besucher und wenig Vertraute, nahezu unmöglich zu wissen, wo „originaler“ Flamenco in Musik und Tanz repräsentiert wird. Hier kann es sich um einfache Schänken in den entlegenen Bergregionen Andalusiens oder privat initiierte Aufführungen handeln. Dank seiner Ausstrahlung fanden vor vielen Jahren baile und canto der Gitanos und ihrer spanischen Erben auch in Katalonien Eingang, wo sie auf etablierte folkloristische Bräuche stießen. Dem Touristen sollte also bewusst sein, dass er in Barcelona nicht auf Flamenco-Boden steht; gerade hier aber, in einem pulsierenden Zentrum der Kreativität, findet er die Voraussetzungen, um neue Spielarten hervorzubringen.

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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