Musik der Karibik XXVII

Venezuelas vielgesichtige Szenerien

Es war die tonangebende Bildungsinitiative in ganz Südamerika: Der venezolanische Ökonom und Musiker José Antonio Abreu schuf mit El Sistema ein landesweites Netz an Jugendorchestern, das heute vor allem durch den Einsatz von Gustavo Dudamel und seinen weltweiten Erfolg einen Namen hat. Viele Jugendliche mit geringer Perspektive konnten und können durch dieses Projekt der Spirale von Armut und Gewalt entkommen und schaffen sich durch das Erlernen eines Instruments und die Teilnahme an Konzerten eine bessere Zukunft – auch wenn sich in letzter Zeit von berufener Seite kritische Stimmen erhoben haben, die politische Akteure als eigentliche Nutznießer des Netzwerks ausmachen.

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Varianten des Joropo haben seit etlichen Jahren in den Städten wie hier in Caracas ihre eigene Tradition entwickelt (José J. Lugo, 13.8.2013, p.d.).

Varianten des Joropo haben seit etlichen Jahren in den Städten wie hier in Caracas ihre eigene Tradition entwickelt (José J. Lugo, 13.8.2013, p.d.).

Von einer eigenständigen venezolanischen Kunstmusik lässt sich selbst im Hinblick auf die Hauptstadt Caracas erst seit den Zeiten von Lino Gallardo (1773 – 1837) und Juan José Landaeta (1780 – 1840) sprechen. Ihr Wirken fällt in eine Epoche des politischen Umbruchs, die durch das Ende der ersten Republik im Jahr 1812 geprägt war. Gallardo kam durch seine patriotische revolutionäre Gesinnung  als Anhänger Simon Bolívars, der die Unabhängigkeit von Spanien vorantrieb, in Haft – Landaeta fiel dabei gar der Gegenseite zum Opfer. Dieser wurde als Violinist ausgebildet und trug wesentlich zur venezolanischen Kirchenmusik in Caracas bei, wo er zum Musikdirektor ernannt wurde. Der in drei Streichinstrumenten versierte Dirigent Lino Gallardo schrieb 1827 ein patriotisches Lied auf Bolívar und wurde später als einer der möglichen Komponisten für die Nationalhymne Gloria al bravo pueblo gehandelt.

In späteren Jahren ihres Wirkens als Pianistin und Komponistin lebte Teresa Carreño am Berliner Kurfürstendamm (ca. 1903, Julius Schaarwächter, US p.d.).

In späteren Jahren ihres Wirkens als Pianistin und Komponistin lebte Teresa Carreño am Berliner Kurfürstendamm (ca. 1903, Julius Schaarwächter, US p.d.).

Breiten Raum nimmt in dem durchwegs (national)romantisch gefärbten Werk der aus Caracas stammenden Pianistin Teresa Carreño (1853 – 1917) der Tanz französischer und polnischer Herkunft ein: Die als „Kaiserin des Pianos“ gefeierte Komponistin schrieb Walzer, Capricen, Elegien, Polkas und Mazurken für ihr Instrument, mit dem sie schon als Neunjährige in der New Yorker Irving Hall auftrat und vor Abraham Lincoln spielte. Unter anderem trug sie aber auch zur Gattung Streichquartett und zur Serenadenkomposition für Streichorchester bei.

Legende der Entwicklung des klassischen Musiklebens in Venezuela: der Dirigent Lino Gallardo (Juan Lovera, US p.d.).

Legende der Entwicklung des klassischen Musiklebens in Venezuela: der Dirigent Lino Gallardo (Juan Lovera, US p.d.).

Nach Episoden in den Vereinigten Staaten – erzwungen durch einen politischen Umsturz in Venezuela  – und in Spanien sowie in Paris, wo sie sich weiter ausbildete, trat Carreño weltweit als Konzertpianistin auf, unterbrochen nur durch einige Jahre, in denen sie viel komponierte und die Musikausbildung in Venezuela vorantrieb, entwickelte sie ein besonderes Faible für Berlin, wo sie in vierter Ehe lebte. Ihre Tochter Teresita Tagliapietro-Carreño avancierte gleichermaßen zu einer angesehenen Klaviersolistin.

Die Folklore derLlanos brachte den Joropo hervor, der ungleich weitere Verbreitung fand als jegliche klassische Ausrichtung europäischer Provenienz. Der Tanz entwickelte vier Hauptströmungen, die einerseits auf die Kamelkarawanen der Wüstengebiete, zweitens auf die Maracas als Perkussionsinstrumente, drittens auf Barockmusik und schließlich auf afrikanische Rhythmen zurückgeführt werden kann. Kaum ein populärer Tanz weltweit hat so viele Varianten hervorgebracht. Gesang und Schnelligkeit spielen eine dominierende Rolle bei dem lange Zeit nur auf dem Land gepflegten Kulturerbe. In Städten wie Caracas wird ihm aber seit etwa dreißig Jahren auch von kunstmusikalischer Seite zugesprochen; der Joropo findet dort mittlerweile ein großes Publikum.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.