Euroasiatisches Feuerwerk im Erfurter Opernhaus

Minore non troppo

Der englischen Barockmusik eignet, nicht zuletzt bedingt durch die Gebundenheit an den Charakter der anglikanischen Messkompositionen und Anthems aus der Zeit William Byrds, die Konzentration auf kontrapunktische Engführung in einem streng begrenzten Ambitus. Henry Purcell vermochte diesen in seinen Bühnenmusiken und auch in Opern wie King Arthur oder The Indian Queen zu lockern und zu erweitern.

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Der Dirigent des 9. Sinfoniekonzerts der Saison am Theater Erfurt hinterließ vor allem mit seiner Britten-Interpretation ein begeistertes Publikum (Foto: Ulrike von Loeper, gen. Theater Erfurt).

Der Dirigent des 9. Sinfoniekonzerts der Saison am Theater Erfurt, Adrian Prabava, hinterließ vor allem mit seiner Britten-Interpretation ein begeistertes Publikum (Foto: Ulrike von Loeper, gen. Theater Erfurt).

Benjamin Britten, der gerne auf Purcell Bezug nahm, realisierte hingegen alle Möglichkeiten, die ihm das Beispiel der Variationenreihung über einem Basso ostinato auf der Basis polyphonen Komponierens im Geist von Palestrinas Schule bot. In der Passacaglia seines Violinkonzerts op. 15 von 1938/39, die unmittelbar an den Vivace-Mittelsatz anschließt, setzt er diesen Rekurs um, indem er das Thema bei jedem Neueinsatz um einen Halbton nach unten moduliert, verkürzt und auch seinen Rhythmus verändert.

Der Solist des Abends am Theater Erfurt, Linus Roth, vermochte Brittens komplexe Partitur sowohl in ihren gesanglichen Partien als auch in den Passagen mit technisch höchst anspruchsvollen Spieltechniken zusammenzuhalten und gleichzeitig virtuos ihre äußersten Möglichkeiten zu nutzen. Einmal klang – in den elegischen Abschnitten – seine Stradivari wie eine Zigeunergeige, ein andermal in den bewegteren Teilen nach den tieferen Streichinstrumenten und der Laute. Dabei sekundierte ihm das Philharmonische Orchester Erfurt mit Präzision und Liebe zum Detail gerade in den außergewöhnlichen und abwechslungsreichen Partien.

Benjamin Britten mit dem berühmten amerikanischen Operntenor George  Alfred Maran (George Maran, 1960, p.d.)

Benjamin Britten (1913 – 1976) mit dem namhaften amerikanischen Operntenor George Alfred Maran (George Maran, 1960, p.d.)

Linus Roth spielte bislang mit zahlreichen Orchestern vor allem im süddeutsch-österreichischen Raum, aber auch mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra und hat eine besondere Passion für Kammermusik, die sich in Auftritten mit Kim Kashkashian, Nils Mönkemeyer oder Gautier Capuçon spiegelt. Er ist Professor am Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg und gründete erst im vergangenen Jahr die Internationale Weinberg-Gesellschaft, in der er sich der weiteren Erschließung des umfangreichen Werks Mieczysław Weinbergs widmet.

Selbst ein Violinist überzeugte der Dirigent des 9. Sinfoniekonzerts der Saison, Adrian Prabava, mit großem Gespür für Einzelheiten der Partituren sowohl von Brittens Violinkonzert als auch von Brahms‘ 4. Symphonie e-Moll nach der Pause. Zum einen ist es noch immer ungewöhnlich, in Europa einen Orchesterleiter indonesischer Herkunft am Pult zu sehen, zum anderen einen Musiker, der gleichzeitig so beherrscht-moderat und schwungvoll zur Sache geht – und auch bei nachhaltigem Applaus bescheiden blieb.

An der Komischen Oper Berlin feierte Adrian Prabava mit Brecht/Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" und Strauss' "Die Fledermaus" Erfolge (Gunnar Geller, 23.1.2013, p.d.).

An der Komischen Oper Berlin feierte Adrian Prabava mit Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ und Strauss‘ „Die Fledermaus“ Erfolge (Gunnar Geller, 23.1.2013, p.d.).

Das Orchester selbst neigte im Falle der nicht eben leichtfüßigen Brahms-Symphonie aus dem Kaiserreichsjahr 1885 allerdings zu einer übermäßigen Akzentuierung der Forte- und Fortissimo-Teile, was diese Interpretation nicht von den zahlreichen anderen abzuheben vermochte. Obwohl beide Werke des Konzertabends Mollcharakter tragen, war aber dank der hohen Präsenz aller Beteiligten davon wenig zu spüren – minore non troppo.

Adrian Prabava hatte im übrigen bereits Kurt Masur und Bernard Haitink assistiert und trat zuletzt mit dem Aalborg Symphony Orchestra, dem Orchestre Symphonique de Québec, dem National Symphony Orchestra of Taiwan und zuvor an der Komischen Oper Berlin auf. In Bern wird er demnächst Dvořáks Oper Rusalka dirigieren, worauf nicht nur das Publikum in der Schweiz große Aufmerksamkeit richten sollte. Ein wahres Feuerwerk einer außergewöhnlichen euroasiatischen Fusion zündete also an diesem (nur äußerlich verregneten) Donnerstagabend am Theater Erfurt.

 

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.