Interview mit Johannes Motschmann

„Ich kann nur komponieren, wenn ich aus meiner Erfahrung schöpfe“

Am Freitag erscheint mit Electric Fields (Neue Meister/Berlin Classics/Edel) ein Debütalbum, bei dem im Sinne eines offen gestalteten Streifzugs durch die Genese der (populären) elektronischen Musik klassisches Kompositionsverständnis zur Anwendung kommt. Für diese bis dato einzigartige Verknüpfung zweier Traditionen zeichnet in erster Linie der in Berlin ansässige Komponist Johannes Motschmann verantwortlich, der im Gespräch seinem zentralen Streben nach einer Integration von Vielfalt und Einheit Nachdruck verleiht – und sich zudem kritisch mit dem Verhältnis von Klassik, Avantgarde und Mainstream auseinandersetzt.

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Johannes Motschmann (Harald Hoffmann)

Johannes Motschmann (Harald Hoffmann)

amusio: „Hi Johannes, priorisierst du gerade auch aufgrund deiner intensiven Auseinandersetzung mit digitaler Klangerzeugung letztlich nicht vielleicht doch jene Instrumente, die dir als Musiker seit jeher vertraut sind?“

Johannes Motschmann: „Nun, ich beschäftige mich mit beiden Bereichen, also bin ich in der Lage, die spezifischen Vor- und Nachteile persönlich beurteilen zu können. Tatsächlich neige ich dazu, konventionelle Instrumente grundsätzlich zu bevorzugen. Instrumente, die ich mit Hand und Fuß bedienen sowie mit einer persönlichen Dosierung von Gefühl spielen kann. Die Haptik macht den Unterschied. Aber auch das digitale Produzieren birgt Vorteile. Moderne Software bietet ungeahnte Möglichkeiten, vor allem wenn es darum geht, neuartige Klänge zu generieren. Dabei erweist sich vor allem das Sampling als ungeheuer praktisch. Doch wenn es um die Klangerzeugung an sich geht, greife ich lieber auf konventionelle Instrumente zurück.“

amusio: „Manifestiert sich nicht doch eine gewisse innere Zerrissenheit?“

Johannes Motschmann: „Ja, die hörst du wohl zwischen den Zeilen heraus (lacht). Meine Vorliebe liegt wohl darin begründet, dass ich es, wie du eingangs bereits erwähnt hast, gewohnt bin, mit konventionellem Instrumentarium zu arbeiten. Ich komponiere ja weiterhin auch für klassische Besetzungen, etwa für Orchester. Insofern bleiben mir Übung und Nähe erhalten.“

amusio: „Sagt dir dabei auch die Beherrschbarkeit der Instrumente beziehungsweise die Möglichkeit der beliebigen Wiederholung von Erlerntem oder Einstudiertem zu?“

Johannes Motschmann: „Wenn ich für Geige oder Klavier schreibe, so sind die Saiten und Tasten zunächst ja auch eine Art Interface. Vor diesem Hintergrund ist es für mich schon angenehmer, wenn ich mich mit vertrauter Hardware beschäftigen kann. Mein Hauptinteresse ist es jedoch, beide Sphären der Klangerzeugung zu vermischen.“

amusio: „Sowohl-als-auch statt Entweder-oder?“

Johannes Motschmann: „Nun, die strenge Beibehaltung einer analoge Kette, bis hin zum Vinyl bei der Wiedergabe, erscheint mir manchmal fast schon als zu religiös. Indes lehrt die Erfahrung, dass man klanglich zumeist mehr erreicht, wenn man mit den Original-Instrumenten arbeitet. Das ist mir vor allem bei Synthesizern aufgefallen, die ich zuvor nur als Software-Simulation kannte. Da die Originale viel lauter, kraftvoller und individuell prägnanter klingen, lassen sie sich im Prinzip gar nicht mit ihren Simulationen vergleichen.“

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