Interview mit Johannes Motschmann

„Ich kann nur komponieren, wenn ich aus meiner Erfahrung schöpfe“

Boris Bolles, Johannes Motschnmann, David Panzl (Harald Hoffmann)

Boris Bolles, Johannes Motschnmann, David Panzl (Harald Hoffmann)

amusio: „Dies scheint das Luxusproblem von Electric Fields zu sein: Das Album bietet so unzählig viele Anknüpfungspunkte, Verweise und Assoziationen. Im Zusammenhang mit Electric Fields könnten wir bei Bach, Tangerine Dream oder auch OMD einsteigen, wir würden wahrscheinlich einen Nenner finden…“

Johannes Motschmann: „So geht es mir mit so mancher Musik, und das empfinde ich auch überhaupt nicht als Ausweis von Beliebigkeit. Electric Fields mag stellenweise etwas uneindeutig wirken, eben weil ich versucht habe, nichts auszuschließen. Ich wollte alles drin haben, was mich musikalisch-ästhetisch reizt. Die Streicher am Beginn deuten einen undefinierten Raum an, in dem ich mich selbst befinde. Dennoch wollte ich das Album durchgängig kontingent gestalten. Ich habe Vielfalt und Einheit zusammen gedacht. Beim Komponieren galt allein die Vorgabe, trotz der Heterogenität des Materials einen homogenen Eindruck entstehen zu lassen. Dabei stellt Electric Fields natürlich keinen perfekten Abschluss dar, sondern lediglich eine erste Annäherung an das Thema. Ich bin da noch mittendrin…“

amusio: „Deine Vorgabe erweist sich seitens der Rezeption als ungemein anregend.“

Johannes Motschmann: „Es freut mich, wenn die gegebene Vielfalt auffällt und noch mehr, wenn sie nicht als störend, als zerfahren oder chaotisch empfunden wird. Diese beiden Aspekte lagen mir wirklich am Herzen.“

amusio: „Electric Fields erscheint auf dem neuen Label Neue Meister/Berlin Classics. Im Zuge der Label-Gründung sowie der Popularität von Ludovico Einaudi, Nils Frahm und Co. wurde im kritischen Feuilleton bereits Kritik an einer affirmativ-indifferenten Haltung der Szene samt ihrer Hörerschaft laut. Die Erzeugung von inhaltslosem Wohlklang wird ihr zum Vorwurf gemacht. Wie denkst du darüber?“

Johannes Motschmann: „Gemeint ist wohl der Markt für die sogenannte Contemporary Classical Music, mit meinem Label als Aufhänger. Ich kann manche Kritik durchaus nachvollziehen, ich finde jedoch begrüßenswert, dass es eine solche Szene gibt und sie sich wieder Gehör verschafft.“

amusio: „Warum hast du trotz der gravierenden Unterscheide – etwa zu einem Federico Albanese – auf Neue Meister veröffentlicht?“

Johannes Motschmann: „Federicos Musik gefällt mit, auch wenn ich etwas ganz anderes mache. Ich komme ja eigentlich aus einem non-kommerziellen Bereich, wo ab und an Stiftungen Portrait-CDs finanzieren. Als Komponist will ich aber kommunizieren. Ich möchte Alben machen, sie veröffentlichen und auch gut distribuiert wissen. Und mich reizt der Umstand, dass kaum jemand aus dem Avantgarde-Bereich diese Hinwendung bislang vollzogen hat. Da bin ich in gewisser Weise allein, und das gefällt mir. Deswegen muss ich nicht zwangsläufig im Mainstream mitlaufen. Mir persönlich ist die Szene der Neuen Musik manchmal zu selbstreferentiell, was aber auch ein Klischee sein könnte…“

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