Interview mit Johannes Motschmann

„Ich kann nur komponieren, wenn ich aus meiner Erfahrung schöpfe“

Johannes Motschmann (Harald Hoffmann)

Johannes Motschmann (Harald Hoffmann)

amusio: „Ich fürchte, darum handelt es sich nicht…“

Johannes Motschmann: „Ach, irgendwie sind doch alle Szenen selbstreferentiell, so sie sich selbst als Szene verstehen. Doch zurück zur Contemporary Classic. Ich erachte sie grundsätzlich für ein Milieu, in dem ich Musik machen kann und möchte. Und ich glaube, dass nach und nach weitere Avantgarde-Komponisten die Szene aufmischen werden: Weg von dem völlig Kontemplativen, hin zu den raueren oder auch inhaltlich relevanten Sujets. Dabei müssen wir nicht gleich Radiotauglichkeit in Erwägung ziehen. Aber eben auch nicht Musik, die nur bei Totenstille auf einer High End Anlage funktioniert. Ich möchte eine Musik machen, die in den Alltag hineinreicht. Eine Musik, die kompatibel ist und zugänglich bleibt. Die Absenz von Eingängigkeit ist noch längst kein Nachweis von Qualität. Im Gegenteil! Keine Angst vor der Einfachheit! Auch wenn es sich um eine scheinbare Einfachheit handelt. Man denke an Arvo Pärt…“

amusio: Indem du Arvo Pärt nennst, eröffnest du die Gelegenheit zu einem kurzen Namedropping bezüglich der populären Avantgarde. Was hältst du von Henryk Górecki?“

Johannes Motschmann: „Ein herausragender Komponist, dem es sogar gelungen ist, mit seiner Dritten Sinfonie die Pop-Charts zu knacken, wenn auch vermutlich eher unbeabsichtigt. Auch seine Musik ist nicht sonderlich komplex, aber gerade im Bereich der Chormusik hat er großartige Werke geschaffen.“

amusio: „Ihn zeichnet eine melancholische Schwere aus, die du nicht unbedingt zu teilen scheinst…“

Johannes Motschmann: „Nun ja, bei Flow Extension gibt es eine Art Choral, bei dem ich die Synths wie Gesangsstimmen einsetze. Das ist ein Beispiel für den melancholischen Anklang auf meinem Album. Es gibt auf Electric Fields eine ganze Reihe davon, allerdings durchbreche ich diese Passagen der Versunkenheit vielfach anhand rhythmischer Strukturen.“

amusio: „Was denkst du über Steve Reich?“

Johannes Motschmann: „Den habe ich mir sehr genau angehört. Allein die Art, wie er beispielsweise mit Streichern und Bläsern über gebrochene Pattern arbeitet, phantastisch! Auch seine Musik ist scheinbar einfach, die Übergänge zur elektronischen Musik sind stets gegeben. Ich bewundere ihn.“

amusio: „Dann hast du im Zusammenhang mit Steve Reich sicher auch von dem Zwischenfall in der Kölner Philharmonie gehört?“

Johannes Motschmann: „Ist das wirklich passiert?! Oder war das ein Karnevalsscherz? Ich konnte es zunächst nicht glauben. Erst wollte ich noch einen Versuch der Erklärung gelten lassen. Vielleicht tat sich ein extrem konservatives Publikum mit dem Cembalo schwer? Aber nein. Das war ein unerklärlicher, unverzeihlicher und hoffentlich auch einmaliger Ausrutscher.“

Flow Expansion:
youtube.com/watch?v=sI7BvjFpPug

johannes-motschmann.de
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