Nun hat es den „Franz Liszt der Jetztzeit“, den „Propheten des Piano“ also doch noch erwischt: Der zuvor fast ausschließlich in (avantgarde-ambienten) Fachkreisen hoch geschätzte Erfinder des ununterbrochenen, kontinuierlichen Spiels („continuous music“), Lubomyr Melnyk, wird anhand von Illirion (Sony Music Classical, ab Freitag) einem breiten Publikum angeboten. Anhand von fünf rezenten Kompositionen, die den Meister wie selbstverständlich von seiner zugänglichsten Seite zeigen.

Lubomyr Melnyk: "Illirion" (Sony Music Classical)
Lubomyr Melnyk: „Illirion“ (Sony Music Classical)

Wer den 67-jährigen gebürtigen Münchener und Ukrainer mit kanadischer Heimstatt in den letzten Jahren live erleben durfte (so etwa mehrfach auf den Ambient-Festivals „Zivilisation der Liebe“ oder erst vergangenen Samstag zur Eröffnung der Acht Brücken zu Köln), kam angesichts des einzigartigen Fließens seiner Kompositionen sowie der mit ihnen einher gehenden Spieltechnik aus dem faszinierten Staunen so schnell nicht wieder heraus. Während des Klaviers Mächtige angesichts der angebotenen Partituren in nicht minder fasziniertes Kopfschütteln gerieten. Denn nicht nur, dass Lubomyr Melnyk Liberace den Titel des weltschnellsten Pianisten längst abspenstig gemacht hat. Auch das technisch ungemein fordernd Veranschlagte seiner Kompositionen hinterließ bei Kollegen und Publikum höchste Anerkennung und Bewunderung, so flächendeckend wie seine Musik.

Dass diese im Rahmen des Trends zu „Contemporary Classics“ auch merkantil orientierten Multiplikatoren nicht verborgen geblieben ist, untermauert nun mit Illirion die erste Veröffentlichung Melnyks auf einem großen, kommerziellen ausgerichteten Label. Dabei wird der Versuch unternommen, das Spezifische am hochkomplex-minimalen Stil zugunsten einer gewissen allgemeinen Verständlichkeit abzudämpfen. Die ausgewählten Kompositionen kommen aufgrund ihrer dezidiert lyristischen Qualität diesem Ansinnen entgegen: Lubomyr light sozusagen.

Es ist das gute Recht aller Beteiligten, den Interessentenkreis nachhaltig erweitern zu wollen. Und vielleicht wird Illirion sogar dazu führen, dass die überaus zahlreichen Werke des Ausnahme-Musikers, die bislang über Jahrzehnte hinweg entstanden sind, nach und nach – ein weiteres Mal – entdeckt werden. Und auch dazu, dass fürderhin nur die größeren und akustisch besten Säle als Spielstätte des charismatischen Genies infrage kommen. Und doch dürfte Illirion unter Kennern eine gelinde Enttäuschung bleiben, da das Album den Aspekt der gelinden Versenkung überbetont.

lubomyr.com
facebook.com/lubomyrmelnyk

 

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