Auf der anderen Seite der zum Pazifik hinneigenden nicaraguanischen Hauptstadt Managua liegt in nordöstlicher Richtung das Zentrum Puerto Cabezas. Landeinwärts befindet sich im südlichen Teil, der Región Autónoma del Atlántico Sur, die Metropole Bluefields. Die beiden Städte im ansonsten dünner besiedelten westkaribischen Gebiet leben, wenn es um Musikkulturen geht, von der weit verbreiteten Traditon des Palo de Mayo: US-amerikanische oder spanische Einflüsse spielen hier im Gegensatz zu Managua eine geringe Rolle, der afrikanische Einfluss, vermischt mit indigenen Elementen, dominiert.

Spuren der spanischen Kolonialzeit in José de la Cruz Menas Geburtsstadt León (Serenityweb1, 3.12.2007)
Spuren der spanischen Kolonialzeit in José de la Cruz Menas Geburtsstadt León, die in Nicaragua als Kapitale der Musik galt (Serenityweb1, 3.12.2007)

Der rituell zelebrierte folkloristische Tanz aus Nicaraguas Osten leitet sich zum einen, wenn es um den dafür vorgesehenen Monat Mai geht, seit der Kolonisation von einem englischen Brauch anlässlich des Geburtstags von Queen Victoria her. Allerdings kannte die einheimische Festkultur (auch der der Náhuatl im pazifischen Teil des Landes) das Aufstellen eines mit bunten Bändern geschmückten Holzstamms, der im Mai geschnitten und um den herum zu Instrumentenspiel getanzt wurde. Geehrt wurde damit Mayaya, die Göttin der fruchtbaren Erde. Der Sinn des Ritus liegt darin, sie zu bitten, Regen zu spenden und Frucht hervorzubringen. Die heutige elektrisch verstärkte Gangart des Palo-Stils ging aus dem kreolischen Rhythmusmuster des Mento hervor.

Auf dem Maifest mit Aufführungen des Palo de Mayo in der ostnicaraguanischen Stadt Bluefields (Verde 562, 7.9.2007, p.d.)
Auf dem Maifest mit Aufführungen des Palo de Mayo in der ostnicaraguanischen Stadt Bluefields (Verde 562, 7.9.2007, CC-Liz.).

Zuerst schlugen Musiker zum Tanz das Tamburin, bevor die Raya de coco und der „Bockskiefer“ dazu kamen. „Waschschüssel“, Blechdose und Maracas ergänzten die Perkussionsgruppe. Als Melodieinstrumente verwendete man zusätzlich schließlich neben Akkordeon und Gitarre Violine und Mandoline. Eine moderne Variante stellt die Erweiterung um elektrische Gitarre, Bass und Orgel dar; allerdings bildet in der karibischen Küstenregion weiterhin das Tamburin mit Banjo, Akkordeon und Waschschüssel den Kern der Besetzung. Leiter wie Komponist jeder Formation bleibt in den traditionsbewussten Ensembles der Tamburinspieler.

Der Sänger Samo während des Auftritts mit seiner Band Camila anlässlich des 3. Latino-Festivals in Managua (Jorge Mejía peralta, 15.7.2007)
Der Sänger Samo während des Auftritts mit seiner Band Camila anlässlich des 3. Latino-Festivals in Managua (Jorge Mejía peralta, 15.7.2007)

In den dazu gesungenen Liedern, zum Beispiel dem Reedo reedo Mama Juka oder Se volteó la lancha (gemeint ist damit die Bananenmachete) nimmt eindeutig der Rhythmusklang den ersten Platz vor der melodischen Gestaltung ein. Die Strophen bestehen meist aus vier Versen, die extensiv nach antiphonischem Prinzip wiederholt und variiert werden. Hohe Popularität auch an der pazifischen Küste erreichten Dimension costeña um den Sänger Anthony Matthews und die Band Soul Vibrations, die den traditionellen Palo mit Reggae-Elementen mixten.

Nach Namen wie dem des Salsasängers José Enrique und den Brüdern Godoy sollte ein bedeutender und leider allzu früh verstorbener Repräsentant der klassischen Musik in einem der ärmsten Länder der Erde nicht übergangen werden: Der spätere Orchesterleiter José de la Cruz Mena (1874 – 1907) wurde in León geboren und nach Jahren des Hornspiels, das er durch seinen Vater erlernte, im Nachbarland Honduras als Baritonhornist ausgebildet. In El Salvador zog sich der Meister der Walzerkomposition nach österreichischem Vorbild die Lepra-Krankheit zu und erblindete später, weshalb er Freunden und Bekannten seine Kompositionen diktieren musste. Unter anderem erlangten seine Walzer Amores de Abraham und Ruinas weite Verbreitung sowohl in Nicaragua als auch in Deutschland, wo sie zuerst gedruckt wurden.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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