Pfade durch die Musiklandschaft Australien XXIX

Zwischen Zirkus, Vaudeville und Oper

Zu ihren ohnehin bedeutenden Verdiensten für die Musik in Australien kommt, dass die Komponistin mit ungarischen Wurzeln vor sieben Jahren mit Musique Art die erste und einzige boulevardläufige Zeitschrift für den klassischen Sektor begründete. Damit nicht genug stiftete Chloe Charody durch ReachOut ein ebenso singuläres Bildungsprogramm, das Menschen in entlegenen Regionen des fünften Kontinents mit Kunstmusik vertraut machen soll. Diese kreativen und gleichermaßen kommunikativen Initiativen verdanken sich gewiss zu einem großen Teil dem Erfolg ihrer Australien-Tour The Divine Romantics, die sie gemeinsam mit der Geigerin Sonja Schebeck durchgeführt hatte. Das Ensemble aus Sydney nennt sich seit der Gründung Ilythian und gewann durch die Tournee die Aufmerksamkeit der Presse. Hier verwirklichten die Künstlerinnen erstmals ihren Traum, klassische Musik in anderer Form zu präsentieren, mit Zirkus, burleskem Theater und Vaudeville-Elementen zu verbinden.

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Zirkusakrobatik spielt in Chloe Charodys 'The Carnival' eine wichtige Rolle, sowohl hinsichtlich der choreographischen Umsetzung als auch der musikalischen Idee nach (David Stanley, Nanaimo, Kanada, 28.11.2012).

Zirkusakrobatik spielt in Chloe Charodys ‚The Carnival‘ eine wichtige Rolle, sowohl hinsichtlich der choreographischen Umsetzung als auch der musikalischen Idee nach (David Stanley, Nanaimo, Kanada, 28.11.2012).

Mit einem derartigen Pop-Styling der „ernsten Szene“ gingen die beiden graduierten Musikerinnen lange vor Kent Naganos Aufruf, das junge Publikum wieder für die Klassik zu gewinnen, den exakt umgekehrten Weg. Sie such(t)en gerade die Hörer zwischen 15 und 35 in ihrer Lebenswelt abzuholen, dort, wo sie sich „unter Freunden“ und in ihrer Identität bestätigt und zuhause fühlen – und das ist nach Meinung von Chloe Charody und Sonja Schebeck eben nicht der auf viele „elitär“ wirkende Konzertsaal westlichen Zuschnitts mit Frack- und Kostümzwang. Sie wählten hierfür vielmehr eine Mischung aus schrillbunter Theaterbühne und der Manege.

So kam es, dass im Rahmen der Produktionen für Budde Music auch eigens die Circus Opera Academy zur Ausbildung in dem neuartigen Musiktheaterformat begründet wurde, die unter dem Label Charody Productions läuft. Sie wurde möglich durch einen Umzug der Künstlerin nach Berlin im Jahr 2012, wo sie mit der Agentur von Annette Gentz zusammenzuarbeiten begann. Die Benennung der Formation Ilythia ging auf ein Lied Charles Baudelaires zurück, in der dieser die Magie der griechischen Geburtsgöttin Eileithyia beschwört. In Charodys Entwürfen instrumentaler wie vokaler Werke spielen mythologische Figuren wie die Meerjungfrauen und der Phönix ebenso wie der Hymnus auf die Schönheit und das Elysium eine zentrale Rolle. Ihrer Ballett-Oper Magdalene (2010), einem Auftragswerk des Niederländischen Balletts und Gemeinschaftsprojekt mit Malcolm Rock, liegt eine komplexe Partitur zugrunde, die Ausführende in choreographischer wie musikalischer Hinsicht vor keine leichte Aufgabe stellt.

Chloe Charody ist nicht nur eine kreative, sondern auch für wegweisende Initiativen bekannte Künstlerin; unter anderem setzt sie sich für die Verbreitung klassisch-musikalischer Bildung ein und gewinnt junges Publikum für die Klassik (Australian Music Centre).

Chloe Charody ist nicht nur eine kreative, sondern auch für wegweisende Initiativen bekannte Künstlerin; unter anderem setzt sie sich für die Verbreitung klassisch-musikalischer Bildung ein und gewinnt junges Publikum durch alternative Präsentationen und Choreographien für die Klassik (Australian Music Centre).

Themen, die mit der Manege und dem Variété in Verbindung stehen, finden sich in der Zirkus-Oper The Carnival (2007), die seit ihrer Uraufführung am Leicester Square Theatre in London lang anhaltende Erfolge in Australien und am Londoner West End feierte, und The Dinner Party (2011) umgesetzt. Ihrer 2012 beendeten 2. Symphonie folgte ein Konzert für Violine, Feuerwerk und Orchester, das sie für ihre Begleiterin Sonja Schebeck schrieb. Chloe Charody spricht mit ihrem Schaffen sowohl den Kammermusikhörer an als auch ein dezidiert junges Publikum, das für neue Klangwelten und ungewohnte ästhetische Konstellationen zwischen realer Akrobatik und Variété-Theater auf der Bühne offen ist. Wer nachhören möchte, findet nicht nur Sound-Samples auf ihrer Website, sondern auch eine Auswahl ihrer Stücke auf der CD Homage aus dem Jahr 2013 beim Label pid.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.