Wo sich Tanz und Ernst die Hände reichen

Rumba & Co. in der Symphonie?

Mögen viele Standardtänze aus dem 20. Jahrhundert tief in die Geschichte afrikanischer und indianischer Stammesriten hinabreichen, so sind sie in ihrer heutigen Form doch jünger als manche(r) annehmen möchte. Der schwarz-kubanische Rumba beispielsweise kam erst etwa 1914 in New York auf, seine Varianten Mambo und Cha-Cha-Cha erst etliche Jahre später. Kuba war letztlich auch die Wiege des Salsa, lange, nachdem Ende der 1940er Jahre mit dem Bebop der spezifisch afrokubanische Jazz aufgekommen war, in dem das Spiel einheimischer Schlaginstrumente mit der Idiomatik des Jazz fusioniert wurde. Als weitere Zutat kam spezifisch puertoricanische Musik hinzu, was zur Entstehung des Salsa führte. Der Tanz wurde seither mit Elementen des Modern Jazz angereichert und durch bestimmte Rockstile beeinflusst.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Igor Strawinsky "zitiert" in seinem Ballett Petruschka (1911) einen steirischen Tanz von Josef Lanner (Holofurian, 15.10.2011, p.d.).

Igor Strawinsky „zitiert“ in seinem Ballett Petruschka (1911) einen steirischen Tanz von Josef Lanner (Holofurian, 15.10.2011, p.d.).

Der geradtaktige, nicht eben schnelle Rumba mit seinem eleganten charakteristischen Hüft- und Beckenschwung, der auf einen Schamanentanz zurückgeführt wurde, hatte es Darius Milhaud angetan: Er nahm ihn in seine Ballettmusik für kleines Orchester La création du monde (1932) auf. Da es in dessen Vorstellung vom Chaos „bewegt“ zuging, taucht er im Rahmen des Schöpfungsszenarios zusammen mit einer Jazz-Fuge an ebendieser Stelle auf.

Darius Milhaud, hier im Vordergrund, setzte in seinem symphonischen Balllett auch auf den Rumba (Ausschnitt aus 'Les Six', Ölgemälde von Jacques-Émile Blanche, p.d.).

Darius Milhaud setzte in seiner symphonischen Balllettmusik auch auf den Rumba (Ausschnitt aus ‚Les Six‘, Ölgemälde von Jacques-Émile Blanche, p.d.).

Dass populäre Tänze in der Kunstmusik ihren Platz fanden, kommt nicht von ungefähr und ist keinesfalls auf den Bedarf der Komponisten an klanglichem oder rhythmischem Kolorit im Sinne bloßer Abwechslung zu reduzieren. Eine solche Auffassung mag auf die Kenntnis von Strawinskys neoklassizistischen Tanzzitaten oder partikulär von Ernst Křeneks musikalischer Milieuschilderung in seiner Oper Jonny spielt auf (1925/26) zurückgehen. Schließlich liegt aber der explosiven Verbreitung von Samba, Boogie-Woogie, Foxtrot und Tango vor fünfzig bis hundert Jahren die Pflege alter Gesellschaftstänze durch den europäischen Adel zugrunde: Sie reichen von der Pavane und Basse danse, durch Spielleute des späten Mittelalters an die Höfe vermittelt, bis hin zum Wiener Walzer, der um 1850 schon von einer breiten bürgerlichen Schicht getragen wurde.

Das slowenische Paar, bestehend aus Zala Fuchs und Vitalii Zalharov, tanzte den Rumba auf dem WDSF-Wettbewerb in Niederösterreich in höchster Perfektion (Ailura, 21.11.2015, p.d.).

Das slowenische Paar auf dem niederösterreichischen WDSF-Wettbewerb, bestehend aus Zala Fuchs und Vitalii Zalharov, tanzt den Rumba in höchster Perfektion (Ailura, 21.11.2015, p.d.).

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sorgten die städtischen Cafés und Gartenlokale für ein rasches, nicht mehr abflauendes Interesse an Tanzveranstaltungen, was bald auch zur Gründung von Ausbildungsstätten für ein breites Publikum führte. Im Vordergrund stand hierbei von Anfang an das abendliche Ausgehvergnügen, das sich in den späteren Allusionen etwa bei Poulenc und Milhaud wiederfindet. Aus diesem Grund eignet der Verwendung von Gesellschaftstänzen in der ernsten Musik in der Regel ein heiterer, gelöster und beschwingter Ton – es sei denn, es handle sich um eine Danse macabre oder eine Orchesterkomposition wie Ravels Pavane pour une infante défunte. In den Zyklen von Dvořák, Brahms und noch bei Enescu sind Gesellschaftstänze Symbol der Verherrlichung eines verbindenden Gefühls im Sinne nationalromantischer Bewegung und Identifikationsstiftung. Der Einsatz von Märschen als militärischen, autoritätsstaatlich gelenkten Formationstänzen wurde nicht erst seit Gustav Mahlers hintergründig-ironischer Zitation in seiner 1. Symphonie gängig, schon Berlioz griff einen ähnlich „morbid“ wirkenden Marsch in seiner Symphonie fantastique auf. Insbesondere amerikanische Komponisten, etwa William Henry Fry oder Leonard Bernstein, bedienten sich bekanntermaßen ausgiebig und ernsthaft allseits beliebter Tänze.

 

 

 

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.