Von der Vorläuferin des Madrigals

Sammlung verschiedener Dinge

Die eher unterschätzte Liedform der Frottola gilt als Vorläuferin des Madrigals und verarbeitet in ihren Texten diverse Themen rund um die Liebe, weshalb die Abstammung vom mittellateinischen frocta mit der Bedeutung „Auswahl verschiedener Dinge“ als ziemlich sicher behauptet werden kann. Ihrerseits folgt sie jedenfalls der literarischen Stellung nach auf die Ballata, einer im Mittelalter gängigen Untergattung des Lieds. Sie verfügt nur über einen homophonen vierstimmigen Satz, bei dem der Sopran die Melodie und der Bass die Harmonie trägt, während Tenor und Alt als Füllstimmen ergänzt werden. Die Forschung vermutet, dass die instrumentale Ausführung beliebig gehalten wurde, da in der Regel lediglich die Oberstimme mit der ersten Strophe betextet ist.

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Faksimile einer Frottola-Partitur aus dem 15. Jahrhundert (US p.d.)

Faksimile einer Frottola-Partitur aus dem 15. Jahrhundert (US p.d.)

Bei der einfachsten Ausprägung handelt es sich um die Frottola barzeletta. Sie besteht aus einer Ripresa mit vier achtsilbigen Versen, der Mutazione aus zwei selbstständigen Teilen und einer Volta, in der die erste Sequenz mit der vierten kombiniert erscheint oder in der eine neue Melodie verdoppelt zwischen die beiden Eckmelodien tritt. Nicht zu übersehen ist, dass unter dem Begriff Frottola andere Poesieformen zusammengefasst werden: der Capitolo, die Oda, der Strambotto, das Sonett und die Kanzone. Nach 1531, dem Jahr des letzten datierbaren Drucks aus Rom, wurde der einfach gestrickte „Zweitakter“, der durch Sammlungen des venezianischen Druckers Ottaviano die Petrucci überliefert ist, von den modischeren und zählebigeren Liedformen Villotta, Villanella und Madrigal abgelöst.

Präsentiert sich trotz der Schlichtheit der Frottola nicht als Sammlung von Volksmusik - denn auch die gebildeten und wohlhabenden Schichten interessierten sich für die Liedgattung: die Aufnahme des Ring Around Quartet & Consort (vgl. Johann van Veen in: Toccata 3/4 2016, S. 20; Naxos 2013B00V872JZI ).

Präsentiert sich trotz der Schlichtheit der Frottola-Gesänge nicht als Sammlung von Volksmusik – denn auch die gebildeten und wohlhabenden Schichten interessierten sich für die Liedgattung: die Aufnahme des Ring Around Quartet & Consort (s. Johann van Veen in: Toccata 3/4 2016, S. 20; Naxos 2013B00V872JZI).

Ihr Fortleben konnte sich die Frottola nur durch musikhistorische Ausgrabungen und vorübergehende Renaissance-Trends dank spezialisierter Vokalensembles in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sichern. Andererseits liegen aus den letzten zehn Jahren Diskographie auch interessante Versuche vor, das erhaltene Repertoire gleichzeitig aus einer anderen Perspektive zu interpretieren als auch ihm eine differenzierte Klanggebung abzugewinnen. An erster Stelle sei hier das Ring Around Quartet & Consort genannt, das die Neuartigkeit des Typus Frottola um die Wende zum 16. Jahrhundert herausarbeiten möchte und dem dies auch fast ohne Verfremdung Übertreibung gelingt. Gleichzeitig ist die CD Frottole von 2013 eine Hommage an die beiden bekannteren Komponisten Bartolomeo Tromboncino und Marchetto Cara.

Fünf Komponisten der italienischen Renaissance kommen hier zu Wort und Klang (Ensemble Accordone mit Marco Beasley, FlLB000BUUKPY, Cypres 2006).

Fünf Komponisten der italienischen Renaissance kommen hier zu Wort und Klang (Ensemble Accordone mit Marco Beasley, FlLB000BUUKPY, Cypres 2006).

Zwei Jahre davor nahm sich Ulrike Hofbauer mit dem Modena Consort unter dem Titel Songs of the Courts of Renai der Lieder an, 2006 erschien eine mit Erfolg lancierte Aufnahme des Tenors Marco Beasley in Verbindung mit dem Ensemble Accordone; der engagierte Musikhistoriker aus Neapel spielte auch schon zusammen mit Christina Pluhar und ihrer Formation L’Arpeggiata. Hier finden sich zudem Beispiele von Filippo de Lurano und Orlando di Lasso. Cornett, Laute und Renaissance-Gitarre verleihen der Aufführung ein expressives, abgerundetes Klangbild. Es bleibt zu hoffen, dass die Frottola als untergegangene Liedgattung dennoch der Nachwelt erhalten bleibt: Ostinato vo‘ seguire, ostinato vo‘ seguire

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.