Spätromantische Kammermusik aus Schweden

Schwirrender Mikrokosmos

Dass Otto Jonas Lindblad neben Jacob Axel Josephson und Johan August Söderman als „der“ prominente Komponist von Klavierkammermusik in Schweden gilt, verdeckt eine leicht zu übersehende Tatsache: Alle drei förderten vor allem mehr und weniger in persönlicher Absicht die nationalromantische Bewegung. Diese Ausrichtung fand in zahlreichen folkloristisch gefärbten Liedern sowie Chor- und Musiktheaterwerken mit häufig patriotischer Couleur ihren Ausdruck. Lindblad etwa schrieb die Musik zur Königshymne Einmal aus den Tiefen der schwedischen Herzen, Josephson trumpfte mit einem Festmarsch auf, verarbeitete schwedische Liedmelodien und legte auskomponierte Sammlungen von „Volksweisen“ seines Landes vor; Söderman schrieb den ländlich-idyllischen Zyklus Eine Bauernhochzeit nach Texten von Richard Gustaffson.

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Wie der schwirrende und flatternde Mikrokosmos auf einer Wiese und ebenso gefühlsinnig wie geheimnisvoll wirken manche Passagen in den Kammermusikwerke Algot Haquinius' und Tor Aulins auf den Zuhörer (geograph.org.uk, Evelyn Simak 28.6.2008, p.d.).

Wie der schwirrende und flirrende Mikrokosmos auf einer Wiese, gefühlsinnig wie geheimnisvoll wirken manche Passagen in den Kammermusikwerken von Algot Haquinius und Tor Aulin auf den Zuhörer (geograph.org.uk, Evelyn Simak 28.6.2008, p.d.).

Neben Kurt Atterberg, der auch in den deutschsprachigen Ländern (noch zu Lebzeiten) viel Zuspruch erfuhr, verblassten für lange Zeit zwei seiner Vorgänger, die gerne im Fahrwasser des Impressionismus verortet werden. Im eigentlichen Sinne intime Kammermusik schufen erst diejenigen Komponisten, die nicht mehr dem nationalen „Aufbruch“ zuzurechnen sind, sondern recht eigentlich erst aus dem tiefen Brunnen der romantischen Ästhetik schöpften. Gemeint sind hier vor allem Johan Algot Haquinius (1886 – 1966) und der zwanzig Jahre ältere Tor Aulin (1866 – 1914). Letzterer gründete das erste professionelle Streichquartett überhaupt unter dem eigenen Familiennamen.

Ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts steht sein Midsommar-Dans op. 18 für Violine und Klavier – die von ihm selbst eindeutig bevorzugte Besetzung, da er wie sein Vater, ein Griechischlehrer, Geiger wurde. Mit seiner Violinsonate in d-Moll op. 12, die vielleicht mehr von Griegs und Sjögrens Tonsprache beeinflusst ist, stand er allerdings im Schatten von Wilhelm Stenhammar Beiträgen zu diesem Genre. Expressive Klänge vermittelt die in den Vordergrund drängende Melodik des zweiten Satzes Andante sostenuto, in dem der rhythmusbetonte mittlere Teil abschließend mit technischer Virtuosität glänzt. Der dritte Satz, ein Allegro vivace e risoluto ist hingegen ein effektvolles „Charakterstück“.

Tor Aulin gründete und leitete das erste als professionell geltende schwedische Streichquartett (Musik-Kalender 1914 v. Albin Roosva).

Tor Aulin gründete und leitete das erste als professionell geltende schwedische Streichquartett (Musik-Kalender 1914 v. Albin Roosval).

Bei dem fast eine Generation jüngeren Landsmann Algot Haquinius, zu dessen Zeitgenossen etwa Ture Rangström zählt, handelt es sich hingegen um einen Pianisten, dem die Gattung des Streichquartetts in praxi wohl etwas ferner lag. In Paris studierte er für ein Jahr bei dem polnischen Klaviervirtuosen Moritz Moszkowski und vervollkommente lediglich seine pianistischen Qualitäten, ohne nur eine Stunde Kompositionsunterricht zu nehmen. Das Schreiben von Klavierstücken war gleichsam eine Nebenbeschäftigung neben seinen Auftritten, bei denen er bevorzugt mit Streichern zusammenarbeitete. Aus der vertieften Kenntnis des „Begleitinstrumentariums“ heraus entstand wohl auch die Idee zu einem Streichquartett in a-Moll, dessen Entstehung sich von 1916 bis 1928 hinzog.

Stockholm in der Zeit, als Algot Haquinius sein Streichquartett Nr. 1 in a-Moll komponierte (Gatubelysning, Stockholmslyktan 1920, Cronquist Gustaf Wason, 1878 - 1967, p.d.).

Stockholm in der Zeit, als Algot Haquinius sein Streichquartett Nr. 1 in a-Moll komponierte (Gatubelysning, Stockholmslyktan 1920, Cronquist Gustaf Wason, 1878 – 1967, p.d.).

Haquinius neigte in anderen Werken deutlich zur Verarbeitung von Tänzen; dies bezeugen seine Orchestersuiten Fordomtima und Svenska danser, bei denen er bereits bewusst den Stil „alter Musik“ der Zopfzeit praktizierte. Deutlicher tritt im Streichquartett allerdings die Tendenz zu den französischen Impressionisten hervor, daneben ein Faible für Folklore. Insbesondere das Trio im dritten Satz belegt die archaisierende Anspielung auf die Menuett-Kultur des 18. Jahrhunderts.

Berückende Momente wenig bekannter schwedischer Kammermusik bietet diese unübertroffene Aufnahme mit dem Geiger Per Enoksson und dem Pianisten Anders Kilström sowie dem Brio Quartett um Annika Schönning und Tomas Andersson (B005CCWKD6, Musica Sveciae, 1988).

Berückende Momente wenig bekannter schwedischer Kammermusik von Aulin und Haquinius bietet diese unübertroffene Aufnahme mit dem Geiger Per Enoksson und dem Pianisten Anders Kilström sowie dem Brio Quartett um Annika Schönning und Tomas Andersson (B005CCWKD6, Musica Sveciae, 1988).

Das Verwirbeln im Nichts und jähe Farbwechsel kennzeichnen hingegen weite Passagen des ersten Satzes Allegro ma non troppo. der traditionelle und moderne Elemente enthält und verbindet. Haquinius‘ und Aulins Kammermusik führt gewissermaßen eine „nördliche“ Randexistenz, die das ohnehin in Mitteleuropa weniger präsente schwedische Repertoire um eine ebenso ungewöhnliche wie emphatisch-gefühlsinnige Note im unentschiedenen Übergang zur Moderne bereichert.

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.