Lassen sich Verbindungslinien von der maurischen Zeit Portugals zur Praxis des Fado, wie ihn zum Beispiel Misia heute repräsentiert, ziehen? Oder gibt es konkrete Anhaltspunkte dafür, dass das so genannte Maqam-Prinzip, ein bestimmter Spielmodus der klassischen arabischen Musik, einst im Südwesten Europas Fuß fasste? Leider verliert sich die Historie der Musikpflege vor der Gründung des Königreichs Portugal dort im Nebulösen. Es liegt aber auf der Hand, dass neben dem gregorianischen Choral der Benediktinerorden auch mozarabischer Gesang und begleitendes Saitenspiel präsent und die Musiktheorie des Philosophen Al-Kindi (800 – 873 n. Chr.) bekannt war.

Zum traditionellen Ensemble portugiesischer Saiteninstrumente mit Anschlagtechnik gehört auch die arabische Laute (al'ud) in verschiedenen Varianten (Soinuenea, Pultsatutako hariak, 28.8.2013, p.d.).
Zum traditionellen Ensemble portugiesischer Saiteninstrumente mit Anschlagtechnik gehört auch die arabische Laute (al’ud) in verschiedenen Varianten (Soinuenea, Pultsatutako hariak, 28.8.2013, p.d.).

In der Ornamentik der bildenden Kunst und der Architektur haben maurische Einflüsse jedenfalls ihre Spuren hinterlassen und nicht unerheblich zur Verfeinerung – beispielsweise im manoelinischen Stil – beigetragen. Nach der Zeit des Konzils von Toledo im Jahr 633 n. Chr., auf dem die spanische Liturgie für die Kirchenmusik verbindlich festgelegt wurde, etikettierte man diese als „visigotisch“ und ab dem 8. Jahrhundert, der maurischen Zeit, parallel dazu als „mozarabisch“. Neben der Troubadourlyrik wurden vermutlich in den maßgeblichen Zentren wie Alcobaça, Coimbra, Arouca oder Lissabon noch später von Laute und Quer-Harfe unterstützte Lieder gepflegt, die durch melismatische Formeln in kleintönigen Abständen und Akkordsequenzierungen als Vorläufer zu denjenigen der heutigen Maqamat bestimmt waren. Die mehrstimmigen Hymnen im Südteil des Baixo Alentejo weisen eindeutig orientalische Wurzeln auf.

Die eingangs gestellten Fragen zur Herkunft des Fado und zur Wirkung des Maqam-Modus lassen sich mangels Quellen auf jeden Fall nur schwer beantworten, wenn nicht einmal für die Musik des Gottesdienstes aus Portugal bis zum Ende des 14. Jahrhunderts Zeugnisse der in Frankreich praktizierten Ars Nova vorliegen. Vielmehr ist anzunehmen, dass die sentimentalisch geprägte modinha aus der Kolonie Brasilien direkt die Entstehung des Fado begünstigte.

Nicht nur architektonisch weist das Kloster Alcobaça maurische Elemente in verspielter feinsinnig erdachter Ornamentik auf. Hier könnte auch die Kirchenmusik im Mittelalter von den Modi oder der heptatonischen Tonleiter arabisch-maurischer Herkunft beeinflusst worden sein (Flávio de Souza 2004, p.d.)
Nicht nur architektonisch weist das Kloster Alcobaça maurische Elemente in verspielter, feinsinnig erdachter Ornamentik auf. Hier könnte auch die Kirchenmusik im Mittelalter von den Modi oder der heptatonischen Tonleiter arabisch-maurischer Herkunft beeinflusst worden sein (Flávio de Souza 2004, p.d.)

Demnach ist davon auszugehen, dass afrikanische Musik von Sklaven und indigen brasilianische im Zuge der Kolonialisierung in Portugal – selbst in Zeiten der Diktatur – einschließlich chromatischer Melismen ungebrochen rezipiert und weiterentwickelt wurde, die spezifisch maurische aus der Zeit der mozarabischen Herrschaft über Südspanien aber keine kontinuierliche Übernahme, Pflege und Fortführung erlebte. Allerdings ist zu vermuten, dass Trommeln und Tamburin, die essentiell schon zur Besetzung frühneuzeitlicher Tanzensembles in Portugal gehörten, arabisch-maurischen oder anderweitigen afrikanischen Ursprungs sind und wohl schon im Mittelalter über folkloristische Darbietungen hinaus verwendet wurden.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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