Musik der Karibik XXIX

Antigua – ein halbes Millennium Klassik

Der Name Guatemalas basiert mit großer Sicherheit auf dem toltekischen Wort für „Land der Bäume“; nur durch einen relativ schmalen Streifen im Osten ist es an die Inselwelt der Karibik angeschlossen. Außer im benachbarten Belize sind vor allem hier Elemente afroamerikanischer Kultur auf Schritt und Tritt vorzufinden. Besonders aus der religiösen Praxis kennt man Frage-Antwort-Gesänge, pentatonische Melodien und eine polyrhythmische Begleitung durch Schlagwerk. Unter letzteren ist vor allem die Marimba weithin beliebt. Ihre Spuren gehen wohl auf ein westafrikanisches Instrument zurück, das durch verschleppte Sklaven um 1550 in dem mittelamerikanischen Staat eingeführt worden sein könnte. Erwähnt wird das anfänglich lediglich diatonisch mensurierte Xylophon allerdings erst 1680 im Zusammenhang mit der Kathedrale von Antigua: Eine Marimba-Combo spielte dort nach der Festmesse auf dem Vorplatz.

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Die Marimba-Band La Gloria Antigueña bei einer ihrer Auftritte am 18. Oktober 2004 (GNU Free Doc. Lic.)

Die Marimba-Band La Gloria Antigueña bei einer ihrer Auftritte am 18. Oktober 2004 (GNU Free Doc. Lic.)

Die erste chromatische Marimba konstruierten erst 1894 Julián Paniagua Martínez und Sebastián Hurtado, indem sie zur diatonischen Reihe eine zweite mit den ergänzenden Halbtonschritten hinzufügten. Einige Jahre später wurde der Resonanzkörper aus Kürbis durch einen hölzernen ersetzt. In heutigen Marimba-Bands spielen in der Regel drei Musiker an einem kleineren Instrument und vier auf einem größeren. Verstärkend kommen in der Regel Schlagzeug und Kontrabass hinzu. Bei Sessions treten ergänzend ein oder zwei Saxophonisten, zwei Trompeter oder ein Posaunist auf. Im 20. Jahrhundert machten vor allem die komponierenden Solisten Mariano Valverde, Domingo Bethancourt und die Ovalle-Brüder von sich reden. Besondere Popularität genießt im Marimba-Repertoire bis heute der Walzer-Hit Luna de Xelajú.

Was angesichts des Reichtums an einheimischer Folklore in Guatemala überrascht, ist, dass die „koloniale“ Kunstmusik hier schon früh eine breite Basis fand. Bereits in der Renaissance-Epoche erlernten und pflegten einheimische Sänger durch die Vermittlung spanischer Missionare einen großen Fundus an gregorianischen Gesängen und lateinischer Kirchenmusik. Schon früh erklangen neben den spanischen Rezitationen auch geistliche Lieder in den indianischen Sprachen. Hernando Franco, Pedro Bermúdez und der Portugiese Gaspar Fernandés trugen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Entwicklung der Kirchenmusik bei und belebten sie.

Ein bedeutender guatemaltekischer Komponist im 20. Jahrhundert war Ricardo Castillo (1894 - 1966); er studierte Violine in Paris bei Augustin Lefort und schuf Werke, die auf die Mythologie der Maya zurückverweisen, etwa die Bühnenmusik 'Quiché Aqui' (1947) (B00000463M, Marco Polo).

Ein bedeutender guatemaltekischer Komponist im 20. Jahrhundert war Ricardo Castillo (1894 – 1966); er studierte Violine in Paris bei Augustin Lefort und schuf Werke, die auf die Mythologie der Maya zurückverweisen, etwa die Bühnenmusik ‚Quiché Aqui‘ (1947) (B00000463M, Marco Polo).

Im Übergang zur klassischen Periode traten zwei Kapellmeister an der Kathedrale von Antigua hervor: Manuel Joseph de Quirós und Raphael António Castellanos. Im Hinblick auf die völlig andersartige Haltung in Europa erstaunt bei letzterem, der auch Kantaten schrieb, die deutliche Orientierung an folkloristischen Mustern: Insbesondere in den Villancicos, einem Typus des Weihnachtslieds, dringen rhythmische und melodische Eigenarten der afroamerikanischen Musik durch. Es wäre verfehlt, diese Musik im Vergleich zur übrigen westlichen Entwicklung wegen der barocken polyphonen Stimmführung und dem Rückgriff auf die Gregorianik als nicht-zeitgemäß einzustufen, denn sie prägte gerade auch in der Verbindung mit indigenen Elementen einen eigenen guatemaltekischen vorklassischen Stil aus.

Marimba-Spieler in der Altstadt von Antigua (Alfredobi, 4.11.2009, p.d.)

Marimba-Spieler in der Altstadt von Antigua (Alfredobi, 4.11.2009, p.d.)

Der erste Komponist, der in Antigua mit Sinfonien an die Öffentlichkeit trat, war der Cellist und Tenorsänger José Samayoa, der sich von Joseph Haydn beeinflussen ließ. Seine Symphonie Nr. 7 in Es-Dur widmete er dem Gedenken an den Unabhängigkeitskampf der föderierten mexikanisch-amerikanischen Armeen gegen Frankreich, der bei Jiquilisco im heutigen El Salvador gewonnen wurde. Weniger „kriegsverherrlichend“ erscheinen etliche Toccaten Samayoas für zwei Violinen und Streicher, außerdem orchestrale Werke für den Kirchengebrauch.

Die romantische Musik Guatemalas ist hingegen durch völlig verschiedene Strömungen gekennzeichnet: Neben der Einführung der italienischen Oper spielten die Militärkapellen eine größere Rolle, außerdem die Rezeption klassischer europäischer Klaviermusik durch bedeutende einheimische Virtuosen wie Rafael Vásquez oder Rafael A. Castillo. Im Zuge der Erforschung eigener Quellen im nationalromantischen Sinn setzte sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Bewegung durch, die auf die Mythologie der Maya zurückgriff. Unter anderen ist hier der Komponist José Castañeda mit seinem Ballett La serpiente emplumada – „Die gefiederte Schlange“ – zu erwähnen. Gemäß seiner in ganz Lateinamerika ungewöhnlich reichen Tradition an Kunstmusik existieren (neben den hochpopulären Marimba-Formationen) in Guatemala etliche Symphonie- und Kammerorchester, Chöre und Kammermusikensembles.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.