Bravouröser Abschied von der Saison

Cello allround

Das Konzert für Violoncello und Blasorchester von Friedrich Gulda stand in mehrfacher Hinsicht im Zentrum des gestrigen elften und letzten Symphoniekonzerts der Spielzeit 2015/16 am Theater Erfurt. Joana Mallwitz stand für die pfiffige Programmkonstellation aus Werken Bernsteins, Guldas und Strawinskys nicht nur höchstpersönlich am Pult, sondern gab dem Publikum auch eine komprimierte Vorstellung von ihren Beweggründen, gerade dieses stilistisch völlig dezentrierte Konzert aufzunehmen. Diese lassen sich insbesondere an der Person des einstigen großen Klavierpädagogen und Argerich-Lehrers selbst festmachen, die sich in der höchst ungewöhnlichen Satzfolge aus Idylle, Kadenz, Menuett und Finale alla marcia spiegelt. Der exzentrische Komponist und vor allem Musiker, der über ein gleichsam photographisches Gedächtnis verfügte, gab sich bei aller Gründlichkeit und Professionalität gerne provokant oder exzentrisch und spielte neben dem Klavier, wenn es in seine Auftritte passte, auch gerne auf Blasinstrumenten wie dem Krummhorn.

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Nicholas Roerichs erster Entwurf zur Choreographie von Igor Strawinskys Ballettmusik 'Le Sacre du Printemps' (November 1910, US p.d.)

Nicholas Roerichs erster Entwurf zur Choreographie von Igor Strawinskys Ballettmusik ‚Le Sacre du Printemps‘ (November 1910, US p.d.)

Eine glückliche Koinzidenz war es, dass für den ungewöhnlichen Programmpunkt mit einem Gulda-Werk der in Berlin geborene deutsch-spanische Violoncellist Gabriel Schwabe zur Verfügung stand, der im extremen Wechselbad dieses Konzerts überall den richtigen Ton fand – sei es in der Solopartie der Kadenz mit seinem „singenden“ Strich, im andalusisch angehauchten Menuett durch kantige froh-barocke Spielweise, im Ensemble mit der Bierzelt-Blasmusik oder im Rockgeschrummel als Einleitung zur Idylle.

Der Solist  des Konzertabends am 17. Juni 2017 im Theater Erfurt war der Cellist Gabriel Schwabe, Preisträger des bedeutenden Pierre Fournier Award in London 2009 (Theater Erfurt; Foto: Detlef Eden).

Der Solist des Konzertabends am 16. Juni 2017 im Theater Erfurt war der Cellist Gabriel Schwabe, Preisträger des bedeutenden Pierre Fournier Award in London 2009 (Theater Erfurt; Foto: Detlef Eden).

Am Schluss dieses augenzwinkernden Potpourri-Konzerts, das dennoch an keiner Stelle den inneren Zusammenhang preisgibt, ereignet sich eine Stilfusion, bei der der imaginierte Tenor-Cellist mit dem Blasorchester und dem Jazz-Schlagzeug kaum schnell genug mithalten kann … Kein Wunder, dass es beim Applaus im gut gefüllten großen Saal der Oper fast an die zehn „Vorhänge“ gab und der Solist als Kontrast noch die Sarabande aus J.S. Bachs Cellosuite Nr. 1 in G-Dur in einer gleichermaßen brillanten Zugabe dahintersetzte.

Vorderseite des Faksimiles der Cello-Suiten von J.S. Bach aus dem Besitz von Anna Magdalena Bach (vor 1750, 18.3.2010, p.d.)

Gabriel Schwabe spielte die Sarabande aus der 1. Suite als stilistisch konträre Zugabe zum Konzert von Friedrich Gulda in mustergültiger Form (Frontispiz A.M. Bach vor 1750, 18.3.2010, p.d.).

In seiner Uraufführung am 29. Mai 1913 ging Igor Strawinskys mit Nicholas Roerich ausgeheckte Ballettmusik Le Sacre du Printemps im Gewitter der Buh-Rufe unter, in erster Linie wegen seiner für die damalige Empfindung kakophonen Klanggebilde. Dabei handelte es sich um ein tief in romantischen Imaginationen des 19. Jahrhunderts verwurzeltes Werk. Wie Jan Assmann erst kürzlich ins Gedächtnis gerufen hat, wird hier nicht etwa eine „typisch“ russische pagane Frühzeit heraufbeschworen, sondern implizit auf Riten des nördlichen und vor allem des westlichen Randes des einstigen Zarenreiches Bezug genommen: So zeigen sich in rezenten Bräuchen der Ukraine Verwandtschaften mit dem Frühlingsopfer eines Mädchens, das vom Komponisten und seinem Choreographen ursprünglich in der Sommerzeit, genauer anlässlich des Johannisfests, angesiedelt war.

Lauren Molina in einer Aufführung von Leonard Bernsteins Musical 'Candide' (Liz Lauren, 16.9.2010, US p.d.)

Lauren Molina in einer Aufführung der Huntington Theatre Company von Leonard Bernsteins Musical ‚Candide‘ (Liz Lauren, 16.9.2010, https://www.flickr.com/photos/ huntingtontheatreco/6143670639US p.d.,)

Die elegisch beschwörenden Holzbläserparts ebenso wie den brutistisch hämmernden Rhythmus des ersten der beiden Sätze Die Anbetung der Erde arbeitete Joana Mallwitz am Pult adäquat heraus: durch ausschwingende, dann forciert eckige, abrupt heftige Anweisungen ohne Partiturvorlage. Zu Recht wurde am Schluss für ihren Einsatz in der Introduktion die Solofagottistin von der Dirigentin persönlich geehrt. Hervorzuheben ist ebenso die famos „musikantische“ Leistung der weiteren Holz- und Blechbläser im Gulda-Konzert; die aperçuhaft kurze Ouvertüre zu Leonard Bernsteins Musical-„Operette“ Candide, die vor nahezu genau sechzig Jahren entstand, stellte darüber hinaus einen gelungenen Abendauftakt durch das Philharmonische Orchester Erfurt in Verbindung mit der Thüringen Philharmonie aus Gotha dar.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.