Interview mit Stefan Fraunberger

„Die einzige Konstante ist Veränderung“

(Stefan Fraunberger)

(Stefan Fraunberger)

amusio: „Man könnte deinen Ansatz im Sinne der Semiotik oder der Semiologie fortführen. Aber das ist nicht dein Fokus, oder?“

Stefan Fraunberger: „Ich will das Feld der Begrifflichkeiten im Sinne einer positivistischen Empirie nicht öffnen. Die erklügelte Bombe aus Wahrnehmung überlasse ich den Phänomenologen. Was mich umtreibt, ist eine Attributen-Lehre im klassischen Sinne. Keine Kartographie – auch die Morphologie interessiert mich weniger.“

amusio: „Du verstehst dich also als forschender Musiker, aber nicht als Wissenschaftler im Sinne akademischer Verifizierbarkeit?“

Stefan Fraunberger: Richtig, auch wenn ich lange Zeit dachte, ich sei ein akademisch veranlagter Musiker. Erst schmerzhaft, dann mit zunehmendem Vergnügen habe ich erfahren müssen, dass ich mit meiner Musik einer definierten Gestik weder Folge leisten will noch kann. Das Normative ist mir entfallen. Zwar habe ich experimentelle elektronische Musik studiert, aber frei, wie in einer Meisterklasse in der bildender Kunst.“

amusio: „Andererseits bist du studierter Orientalist und des Altarabischen mächtig. Doch bleiben wir bei deinen musikalischen Interessen. Dabei sprichst du von einer Praxis der Ambiguität. Die Nähe zum Begriff der Ambivalenz denkst du dabei aber nicht mit?“

Stefan Fraunberger: „Nein, ich meine wirklich die Vieldeutigkeit, und eben nicht die Widersprüchlichkeit – die in einem dialektischen Sinne natürlich immer mitschwingt. Mit Ambiguität meine ich etwa den Effekt von Polyrhythmik oder Polymelodik, bei der die Rezipienten individuelle Rhythmen erfahren oder Melodien zu hören glauben. Vor allem wenn sie sich live ereignet. Und das nicht nur in Bezug auf Musik. So nächtigte ich einst im Freien, in der Nähe eines Baches. Man erzählte mir, dass sich in der Gegend viele wilde Hunde aufhalten würden. Also vernahm ich in beinahe paranoider Form die ganze Nacht über ein Bellen und Knurren im Plätschern des Baches…“

amusio: „Ein alltägliches Phänomen. Wenn ich Musik höre, während ich Besuch erwarte, meine ich ständig meine Wohnungsklingel in der Musik zu vernehmen…“

Stefan Fraunberger: „Die individuelle Wahrnehmung lässt sich nicht vorhersehen oder erschöpfend erklären. Ängste oder Erwartungshaltungen, wie in den von uns genannten Beispielen, fördern natürlich die Ambiguität. Und ich finde es spannend, diese auch zuzulassen. Mir widerstrebt der Hyper-Realismus, das Prinzip von friss oder stirb. Lieber fordere ich dazu auf, weder passiv noch richtig zu hören. Die Desambiguisierung des Abendlandes ist eine bis dato unbehandelte oder auch unbehandelbare Krankheit von gelangweilten Zweibeinern, deren Hauptbeschäftigung in der Reduktion von Mannigfaltigkeit zur Isolationszelle besteht. Ein Großteil europäischer Geisteshaltung seit der Aufklärung bestand und besteht im Möglichkeitsmord.“

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