Interview mit Stefan Fraunberger

„Die einzige Konstante ist Veränderung“

(Stefan Fraunberger)

(Stefan Fraunberger)

amusio: „Doch du bist in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben?“

Stefan Fraunberger: „Keineswegs. Ich habe mit fünf Orgeln gearbeitet, doch das Ganze mit unzureichenden Mikrophonen aufgenommen. So war zum Beispiel stets zu viel Raum zu vernehmen. Ich war nicht zufrieden, auch weil ich zu hastig agiert habe und mir die Ergebnisse im Ganzen viel zu monoton erschienen.“

amusio: „Bei Quellgeister 2 ‚Wurmloch‘ waren bessere Voraussetzungen gegeben?“

Stefan Fraunberger: „Ich konnte mich rund drei Wochen lang eingehend mit der Orgel zu Valea Viilor, also ehemals Wurmloch, auseinandersetzen. Zudem war ich mit hochqualitativer Aufnahmetechnik bewaffnet. Ich spürte, dass da etwas von bleibendem Charakter entstanden war. Ich kannte die Macken des Instruments, wann es zu scheppern beginnt, wo individuelle Schwingungsmuster und Schwingungsfarben beheimatet sind. Ich war mitunter am Ort der Gegenwart, welcher eine modulare Komposition beinhaltet. Letztlich sind an die dreißig Stunden Material entstanden, von denen ich vierzig Minuten ausgewählt habe, die dank des klanglichen Verständnisses von Wolfgang Musil beim Mastering deutlich an Plastizität, an skulpturaler Ambiguität gewonnen haben. Richie Herbst von Interstellar Records, dem Quellgeister 1 so gut gefallen hatten, sprach mich an, ob ich nicht über neues Material verfügen würde, das für eine Veröffentlichung anstünde. So hat es sich ergeben.“

amusio: „Unter welchen Prämissen hast du die Auswahl von vierzig Minuten vorgenommen?“

Stefan Fraunberger: „Was letztlich zu der Auswahl geführt hat, bleibt offen, hat aber in meiner Erinnerung sicherlich mit imaginärer Gegenwart zu tun. Die von den Siebenbürger Sachsen zurückgelassenen Orgeln waren zum Zeitpunkt ihrer Entstehung state of the art. Doch das modrige Holz hat sich in drei Jahrhunderten längst verzogen, Reparaturen oder gar Restaurationen wurden zum Glück nie vorgenommen. Das Kaputte und von der Körperhaftigkeit der Zeit geformte Falsche sorgt für einen ausgesprochen individuellen Charakter jedes einzelnen Instruments. Ich nähre mich sowohl analytisch als auch körperlich an.“

amusio: „Hältst du die Ergebnisse deiner Analyse auch schriftlich fest?“

Stefan Fraunberger: „Nein, ich merke mir zeitliche und farbliche Charakteristika, darüber führe ich kein Buch. Ich will klangliche Erkenntnisse nicht versprachlichen. Beim Spielen gehe ich dann ohnehin intuitiv vor. Dabei respektiere ich jene Modalitäten, die von dem jeweiligen Instrument angeboten werden. Ich will die Orgeln nicht als Relationsautomaten verwenden, will sie aber auch nicht quälen. Verstehe die Orgel als Luftsynthesizer.“

amusio: „Du willst also nicht die Extreme vorführen?“

Stefan Fraunberger: „Das würde im Ergebnis höchstens ein paar Noise-Freaks interessieren. Mir geht es aber um Kommunikation. Auch wenn Wurmloch als schwer verständliches Experimentalalbum verstanden wird, verstehe ich es als Pop (lacht) – am Ende landet alles im Wurmloch. Leichte Überforderungen des Instruments haben indes ihren Reiz. Man kann jene Punkte treffen, an denen der pfeifende Engelschor hinab in die Hölle jault und die Insekten aus den Pfeifen in den Himmel steigen. So kann ich die Charakteristik des Instruments herausarbeiten. Mich dem durch die Zeit verändertem Wesen annähern. Ich will das Instrument verstehen, und nicht, dass das Instrument mich oder eine normative Haltung repräsentiert. Wenn Kultur das Eingreifen des Menschens in die Natur ist, so ist Quellgeister das nicht renovierte und unregulierte Eingreifen der Natur in die Kultur. Die einzige Konstante ist Veränderung.“

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