Während sich überhaupt in der westlichen Welt Brass Bands nicht nur in der Spielart der bayerisch-österreichischen Blaskapellen anhaltender Beliebtheit erfreuen, hat seit 2010 hierzulande besonders Andreas Martin Hofmeir mit seiner klanglich wandlungsfähigen Tuba einen Trend gesetzt; nun legt er mit seiner Live-Lesung Kein Aufwand auch Rechenschaft über ein bisher scheinbar recht entspanntes Musikerleben ab, Liebeslieder aus Argentinien, Brasilien und Ungarn sind gratis auf seiner neuen CD dabei. Auf der anderen Seite der Erdkugel wiederum pflegt man, was die Undichtigkeit der Genres für Blechblasinstrumente betrifft, schon seit langem keine Hemmungen mehr.

"Easy come, easy go": Auftritt einer Brass Band auf dem Festival of the Winds 2010 in Sydney (Bohemian Rhapsody, Newton graffiti, 12.9.2010, CC-Liz.)
„Easy come, easy go“: Auftritt einer Brass Band auf dem Festival of the Winds 2010 in Sydney (Bohemian Rhapsody, Newton graffiti, 12.9.2010, CC-Liz.)

Dabei gingen die Brass Bands aus einer gesundheitlich für sinnvoll gehaltenen „Freizeitbeschäftigung“ zur Abwechslung für die hart schuftenden Arbeiter in den britischen Kohlenbergwerken hervor. Allmählich entwickelte sich daraus eine regelrechte Wettbewerbskultur. Die Musik der Bergleute vermischte sich zum Teil auch mit derjenigen der Heilsarmee und aus einer Familie solcher Herkunft ging Eric Ball, einer der wichtigsten Protagonisten, die in erster Linie für Brass Bands schrieben, hervor. Nachdem anfänglich populäre Opernmelodien gespielt wurden, schufen der Komponist aus Bristol, der eigentlich Organist werden wollte, und andere ein eigenes Repertoire, das später gerne Gospelmelodien aufgriff und sich hier und da an den Märschen und Fanfaren der Militärkapellen orientierten. Da es sich bei Australien um eine britische Kolonie zunächst für Strafgefangene handelte, schwappte die schon im 19. Jahrhundert populäre Bewegung der Brass Bands dorthin über. Einen verstärkenden Rückkopplungseffekt gab es Anfang des 20. Jahrhunderts außerdem durch die Rezeption von Jazz, Veteranenmusik und populärer E-Musik aus den USA.

Musikerinnen an Tuba oder Posaune sind bei den australischen Brass Band Contests längst keine Seltenheit mehr (Chrome brass, Festival of the Winds, 12.9.2010, Newton graffiti, CC-Liz.).
Musikerinnen an Posaune, Tuba oder anderen gewichtigen Blasinstrumenten sind bei den australischen Brass Band Contests längst keine Seltenheit mehr (Chrome brass, Festival of the Winds, 12.9.2010, Newton graffiti, CC-Liz.).

In Down Under übernahm man auch das regelhafte Wettbewerbsformat, in dem sich wie beim Fußball Ligen bildeten, die von Stufe D bis zum höchsten Level A reichen. Auch hier sind, anders als in den englischen Anfängen, keine Holzbläser unter den traditionellen Blechblasinstrumenten vorgesehen. Jedes Jahr um Ostern findet der Wettkampf statt, bei dem eine Hymne, ein bühnenmäßiger Marsch, ein Stück eigener Wahl und ein Potpourri aus Stücken der leichteren Muse vorzutragen sind. Die amtierenden Champions der Saison 2015 waren allerdings nicht Australier, sondern die neuseeländische Wellington Brass Band. Die Spitze der eigenen Auswahl verficht der Komponist und Dirigent Percy Code, daneben sind die ebenso in Großbritannien gekürten Musiker David King und Frank Wright. Aus dem Bereich der „Kunstmusik“ in einem etwas engeren Sinn ist Brenton Broadstock mit Winds of Change und Rutherford Variations vertreten, daneben Barrie Gott etwa mit Gospel Train oder Joe Cook mit Taskforce.

Immer noch ein Highlight unter den Aufnahmen von Brass Bands aus Australien ist die CD der Kew Band aus dem Jahr 1999 (ABC Classics, B0089B90S0).
Immer noch ein Highlight unter den Aufnahmen von Brass Bands aus Australien ist die CD der Kew Band aus dem Jahr 1999 (ABC Classics, B0089B90S0).

Schon Ende der 1990er Jahre machte The Kew Band von Mark Ford und Graham Lloyd von sich reden. Mit Nummern wie High Command, Larino. Safe Haven und The Loaded Dog unter dem Sammeltitel Fortuna erlangten sie bei einem großen Publikum aus verschiedenen „Lagern“ gebührende Aufmerksamkeit, wobei zu berücksichtigen ist, dass eine typisch europäische Trennung zwischen unterhaltenden und akademisch-ernsten Sparten ja so gut wie nicht existiert. Ganz oben angekommen ist auch eine mindestens dreiunddreißigköpfige Band aus Brisbane, die über einen beachtlich hohen Anteil von Musikerinnen verfügt. Und nicht zu vergessen sind die Canning City Brass Band aus Perth und die Mitcham City Band mit Sitz in Adelaide. Genauso wie auf Neuseeland gilt: Ausbrüche aus dem eigenen ins vorzugsweise klassische Terrain sind (dank der professionellen Ausbildung der Musiker) immer möglich!

 

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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