Zum 1. Symphoniekonzert der Saison 2016/17 am Theater Erfurt

Im Innersten des Rhythmus

Originalität war nach dem Urteil zeitgenössischer Kollegen nicht die erste Tugend von Johannes Brahms. In puncto flexibler harmonischer und ökonomischer Gestaltung waren dem gebürtigen Hamburger allerdings hohe Professionalität und Individualität kaum abzusprechen. In seiner 3. Symphonie F-Dur von 1883, die großen Teils in Wiesbaden und am Rhein entstanden war, bewies der von Heinz Becker als Experte für den „mittleren Klangraum“ apostrophierte Antipode Wagners Erfindungsgabe auch in melodischer Hinsicht, wofür insbesondere die Bläserpartien im Andante und die Stimmführung im 3. Satz Poco Allegretto einstehen. Der von voluminöser Schwermut bis zum Poltern neigende Gestus der Ecksätze unterscheidet die Symphonie hingegen weniger von Brahms‘ anderen Orchesterwerken.

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Das märchenhafte Motiv des Feuervogels, kongenial von Igor Strawinsky in Ballettmusik übersetzt, griff Jochen Kusber in seinem Gemälde in Mischtechnik 1982 auf (Retrospektive, Kunst- und Kulturkreis Rastede 2013, S. 53, CC-Liz.).

Das märchenhafte Motiv des Feuervogels, kongenial von Igor Strawinsky in Ballettmusik übersetzt, griff Jochen Kusber in seinem Gemälde in Mischtechnik 1982 auf (Retrospektive, Kunst- und Kulturkreis Rastede 2013, S. 53, CC-Liz.).

Gemessen an der Stimmung dauerhaft hochsommerlicher Septembertage konnte gerade deshalb ein Brahms-Programm an diesem Donnerstagabend im Theater Erfurt leicht wie ein Fremdkörper wirken: Die temperamentvollen Rhythmus-Klangstudien amerikanischer und russischer Provenienz im weiteren Verlauf des Konzerts gehören jedenfalls einer völlig anderen Sphäre an. Den symphonischen Zusammenhang herzustellen war somit für den jungen Dirigenten Cornelius Meister keine einfache Aufgabe. Sie gelang durch eine mehr vordergründig forcierte Darstellung der Brahms-Symphonie und durch die Pause als Zäsur.

George Gershwin, Schöpfer der Rhapsody in Blue und ihres Nachfolgers in den 1920er Jahren (Library of Congress, US p.d.)

George Gershwin, Schöpfer der Rhapsody in Blue und ihres Nachfolgers in den 1920er Jahren (Library of Congress, US p.d.)

Freilich schuf hier auch die im Duktus vergleichsweise gemächlich intonierte Second Rhapsody für Klavier und Orchester von George Gershwin aus dem Jahr 1931 einen gewissen Übergang zu dessen virtuos-brillanten Variationen des Songs I got Rhythm, die dieser drei Jahre später komponierte. Vom Bruder des Dirigenten, dem als Konzertpianist weitgereisten Rudolf Meister, der übrigens die höchste Position in der Mannheimer Hochschule für Musik bekleidet, wurden beide Werke mit großer Einfühlsamkeit, kalkuliert und mit einem Sinn für die keineswegs oberflächlichen Jazzelemente der Partitur vorgetragen.

Cornelius Meister arbeitet mit den führenden Orchestern in Tokyo, Washington, Helsinki, Paris und Hamburg. In dieser Saison ist er Gastdirigent an der Wiener Staatsoper (Marco Borggreve; Theater Erfurt).

Cornelius Meister arbeitet mit den führenden Orchestern in Tokyo, Washington, Helsinki, Paris und Hamburg. In dieser Saison ist er Gastdirigent an der Wiener Staatsoper (Marco Borggreve; Theater Erfurt).

Ihrer opulenten Pariser Uraufführung im Juni 1910 gemäß schillert Igor Strawinskys Ballett Der Feuervogel nach Fokins Libretto in der Suitenfassung von 1919 in allen nur denkbaren Farben. Das über viele Takte hinweg gehaltene Flageolett in den hohen Streichinstrumenten ist hier nur ein Effekt unter den vielfältigen und selbst in ihrer Entstehungszeit in diesem Ausmaß ungewöhnlich extensiv genutzten Spieltechniken. Der tänzerischen Motorik der in ihrem Charakter äußerst differenten Suitenteile galt Cornelius Meisters persönlichster Einsatz; bei der Umsetzung impressionistischer Klangfarbigkeit, vor allem aber der dem Ballett eigenen pulsierenden Rhythmik war der Chef des Wiener ORF-Radio-Symphonieorchesters ganz in seinem Element. Zum großen Erfolg dieses Abends trugen etliche Solisten des Philharmonischen Orchesters Erfurt maßgeblich bei, wobei hier insbesondere die Besetzung von Trompete, Oboe und Fagott hervorgehoben seien.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.