Im kleinsten Antillenstaat, Saint Kitts and Nevis, dominiert der Karneval die Musikszenen mit diversen Terminen – wäre da nicht die Sängerin und Gitarristin Joan Armatrading, die in der Hafen- und Hauptstadt Basseterre als drittes von sechs Kindern eines Tischlers geboren wurde. Sie wurde nach Antigua geschickt, um bei ihrer Großmutter zu leben und wohnte später mit der Familie in einer Vorstadt von Birmingham. Mit vierzehn Jahren schrieb sie mit Hilfe eines Klaviers ihre ersten Limericks; erst nach der Mitwirkung an einem Konzert in der Universität von Birmingham und einer Reihe von Auftritten in örtlichen Clubs lernte sie bei einer Produktion des Musicals Hair Pam Nestor kennen. Ihre Zusammenarbeit wurde zum Trittbrett für Armatradings späteren Erfolg als gefeierte Blues-, Pop- und Folksängerin.

Ein Kleinod aus britischer Besatzungszeit ist der Uhrenturm im Kreisverkehr vis-à-vis vom Hotel Ballahoo in Basseterre (Gertjan R., 3.7.2014, p.d.).
Ein Kleinod aus britischer Kolonialzeit ist der Uhrenturm im Kreisverkehr vis-à-vis vom Hotel Ballahoo in Basseterre (Gertjan R., 3.7.2014, p.d.).

Mit ihren drei Vulkanbergen wirken die Antigua und Barbuda westlich benachbarten Inseln wie eben aus dem Meer emporgetaucht, doch blickt die Landschaft dort tatsächlich auf eine fünftausendjährige Besiedlungsgeschichte zurück. Nach den Saladoiden, die vom Delta des Orinoco im heutigen Venezuela kamen, und nach den Igneri-Arawaks ließen sich dort um 1300 n. Chr. die Kalinago hier nieder. Mit dem Wort Liamuiga kennzeichneten sie St. Kitts als „fruchtbare Insel“. Erst Anfang des 17. Jahrhunderts fassten auch britische Kolonisten auf ihr Fuß und nach langem Streit mit Frankreich um die Vorherrschaft sicherte sich Großbritannien das Anrecht auf ihren Besitz. Erst 1967 konnten sich die beiden Inseln zusammen mit Anguilla, zu dessen Föderation sie gehörten, den politischen Autonomiestatus sichern. Die Unabhängigkeit von der Krone wurde de facto aber erst 1983 durchgesetzt.

Am Morgen vor der Landung mit dem Schiff im Hafen von Basseterre auf St. Kitts (März 2016, ).
Am Morgen vor der Landung mit dem Schiff im Hafen von Basseterre auf dem für seine ausgelassene Karnevalsevents bekannten ostkaribischen Eiland St. Kitts (Martin Falbisoner, 24.3.2016, CC Liz.).

In der letzten Juniwoche eines jeden Jahres wird als eine der drei großen Carnival-Veranstaltungen das St. Kitts Music Festival begangen, bei dem es sich um eines der größeren Events in der gesamten Karibik handelt. Es ging aus dem 1996 begründeten und bereits etablierten Shak Shak Festival hervor, an dem unter anderen Nigel Lewis und die Roy Cape Band beteiligt waren. Von Ende Juli bis Anfang August tanzen die Insulaner auf St. Kitts and Nevis ausgelassen unter der Fahne des Culturama-Festivals. Es gehört besonders den ehemaligen Einheimischen auf Nevis, die nun zur Familie zurückkommen und gebührend gefeiert werden – mit nächtelangen, von Musik beschallten Parties, kulinarischen Festlichkeiten und Konzerten. Den krönenden Abschluss bildet ein früher Umzug durch die Unterstadt von Charlestown, der zweitgrößten Stadt des Miniatur-Inselstaats.

Die ursprünglich auf Trindidad beheimateten Steelpans sind auch auf den Festivals auf St. Kitts zu hören (CC Liz.).
Die ursprünglich auf Trindidad beheimateten Steelpans sind auch auf den Festivals auf St. Kitts zu hören (Bart Everson, 2.10.2011, Pan Vibrations Steelband in New Orleans, CC Liz.).

Es gibt hier zwar keinen Humus für eine große Klassikhörergemeinde, doch spielen etwa im Vergleich zur Koexistenz von Popular-und Kunstmusik auf Kuba Streichorchester zur Begleitung von folkloristischer Musik eine bedeutendere Rolle. Erwähnenswert als weiteres Event in den Sommermonaten Juli und August ist das Fest im Dorf Tabernacle und das Festival von Capisterre, das bezeichnenderweise um den 19. September, den Unabhängigkeitstag der kleinen Nation, mit großem Zulauf rechnen kann. Neben Straßenparaden, auf denen die große Trommel gerührt wird, schätzt das in den Straßen tanzende Publikum hier sowohl Salsa, Soca und Calypso, als auch verschiedene Jazz-Spielarten und die spezifisch südostkaribischen Klänge der Steelpan. Traditionell hat auf den Inseln auch das traditionelle Mongoose-Spiel, eine Mischung aus Folk- und Theateraufführung, seinen Platz.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert