Es begann mit den Siedlern: Das erste in der Neuen Welt genutzte musikalische Werk war das Psalmbuch von Henry Ainsworth; gedruckt wurde es 1612 in den Niederlanden. Als das erste auf amerikanischem Boden geschriebene musikalische Werk gilt das in Massachusetts entstandene Bay Psalm Book aus dem Jahr 1640. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts basierte die Kompositionskunst in den Vereinigten Staaten allerdings auf für den Gottesdienst vorgesehenen Choralmelodien von Amateuren.

Aus "Psalm Singer's Amusement" - einem Choralbuch vom ersten auf amerikanischem Boden geborenen Komponisten in den USA, William Billings (Yale University, US p.d.).
„Modern Music“: Ausschnitt aus „Psalm Singer’s Amusement“ – einem Choralbuch vom ersten auf amerikanischem Boden geborenen Komponisten in den USA, William Billings (Yale University, US p.d.).

Einen Ruf als begabter Erfinder von zahllosen Hymnen erwarb sich der äußerst bescheiden auftretende Gerber William Billings (1746 – 1800) aus Boston. Von einem Musikstudium war er wie etliche andere Laien weit entfernt, gute Kenntnisse könnte er sich womöglich durch die Hilfe eines Chorsängers namens John Barry erworben haben.

Supply Belcher (1751 - 1836) schrieb als Laie wie Billings geistliche Gebrauchsmusik (unknown portrait; http://www.americanmusic preservation.com/ stoughton.htm, US p.d.).
Supply Belcher (1751 – 1836) aus Massachusetts schrieb als Laie wie Billings geistliche Gebrauchsmusik (unknown portrait; http://www.americanmusic
preservation.com/
stoughton.htm, US p.d.).

 

 

Seine Psalmbücher wie der frühe Druck The New-England Psalm-Singer (1770) weisen einen häufig elaborierten vierstimmigen Choralsatz auf, der manchmal einen ekstatischen, dann wieder feierlichen Ausdruck verrät – wie das an Händels Satzweise erinnernde Eastern Anthem. Er schrieb auch Lieder mit patriotischem Gestus, wofür das Kriegsanthem Chester beispielhaft steht. In seiner Laufbahn näherte er sich jedenfalls der in Europa als Standard geltenden Professionalität an, denn neben anderen Tätigkeiten fungierte er längere Zeit als Chordirigent.

Frühe amerikanische Choralmusik wie William Billings Kompositionen biete die zweiteilige Reihe von (B000059WLJ, Harmonia Mundi 2001).
Frühe amerikanische Choralmusik wie William Billings Kompositionen bietet die zweiteilige Reihe von Paul Hillier, einem der ausgewiesenen Experten der Alten Musik (B000059WLJ, Harmonia Mundi 2001).

 

 

Viele von William Billings Kompositionen wurden rasch gemeinfrei, da Urheberrechte in den Vereinigten Staaten um und selbst nach der Mitte des 18. Jahrhunderts nur rudimentär existierten. Supply Belcher, Daniel Read und etwa Justin Morgan, deren Bemühungen in eine ähnliche Richtung gingen, pflegten unter anderem den genuin amerikanische fuging tune, einem Chorsatz in fugierter Satzform. Insgesamt lässt sich der frühen geistlichen amerikanischen Choralmusik – neben ihrer den Umständen entsprechenden „Verspätung“ im Konzert der westlichen Musiknationen – sicherlich ein optimistischerer Grundton attestieren, der sie, unter Einschluss schwarzer Gospelmusik des 19. und 20. Jahrhunderts, bis heute auszeichnet.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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