Interview mit Vitor Joaquim

„Ohne thematische Klammern würde es mir sicher schwerfallen, Zäsuren zuzulassen“

Vitor Joaquim: "Geography" (Crónica)

Vitor Joaquim: „Geography“ (Crónica)

amusio: „Ist Geographie im Grundsatz ein Ergebnis der Imagination?“

Vitor Joaquim: „Vielleicht nicht das Ergebnis aber sicher eine Folge. Um Geographie zu betreiben, bedarf es der Einbildungskraft. Was gleichermaßen für die Akusmatik gilt. Auch bei ihr geht es um die kontinuierliche Interpretation von Strukturen und Substrukturen. Um Ordnung, Unordnung und Formgebung von etwas zuvor noch Unentdecktem oder Amorphen.“

amusio: „Im Zusammenhang mit Geography hat sich Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften von Jared Diamond als Inspirationsquelle erwiesen. Als Biogeograph hat der Autor dort die Zusammenhänge von geographischen Gegebenheiten mit dem Schicksal von Völkern in historischer Hinsicht erhellt und interpretiert. Kritiker halten ihm unter anderem entgegen, dass seine Fokussierung auf die Geographie als Urgrund für den Erfolg oder den Untergang von Globalethnien geradezu fatalistisch sei – und quasi eine Politik des Fait accompli legitimiere. Wie denkst du darüber?“

Vitor Joaquim: „Ich bin weder Soziologe, Historiker noch Politologe. Und auch kein Experte, wenn es um Jared Diamond geht. Doch die Lektüre seines Buches Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften – die anderen kenne ich nicht – hat mich auf jeden Fall sehr beeindruckt und entsprechend sensibilisiert. Ich denke, dass er stets gute Argumente ins Feld führt, von denen mir die meisten auch plausibel erscheinen. Nehmen wir mal Südeuropa als einfaches Beispiel. Das Klima hat hier über Jahrhunderte hinweg vieles begünstigt. Hier ließ es sich leben, ohne befürchten zu müssen, im Winter zu erfrieren. Hingegen sahen sich die Menschen in Nordeuropa gezwungen, die Löcher in ihren Wänden zu stopfen, um überleben zu können. Das erklärt in Ansätzen, warum sich die Wissenschaften und das praktische Knowhow der Problemlösung in Nordeuropa besser haben entwickeln können, als etwa in Portugal, wo wir hingegen vielleicht eher von alten Weisheiten zehren. Und diese Erkenntnis kann ich auf mein eigenes Leben übertragen. Es ist ein Erklärungsansatz dafür, warum hier alles noch so langsam vonstatten geht. Und wie diese Volksmentalität auch meinen Charakter hat prägen können (lacht).“

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