Interview mit Vitor Joaquim

„Ohne thematische Klammern würde es mir sicher schwerfallen, Zäsuren zuzulassen“

Vitor Joaquim: "Geography" (Crónica)

Vitor Joaquim: „Geography“ (Crónica)

amusio: „Und Ganda bezieht sich auf das ehemalige Mariano Machado in Angola…“

Vitor Joaquim: Nein, da vermutest du falsch. ‚Ganda‘ ist das indische Wort für Rhinozeros. Als 1515 erstmals ein Exemplar – Geschenk des Sultans Muzafar II an Afonso de Albuquerque – europäischen Boden betrat, erregte es großes Aufsehen. Auch Albrecht Dürer hatte bekanntlich davon gehört. Um im Sinne von Territorialstreitigkeiten mit Spanien gut Wetter beim Medici-Papst Leo X. zu machen, entschloss sich König Manuel I. ihm das Tier wiederum zum Geschenk zu machen. Doch auf dem Weg nach Italien ereignete sich ein Schiffbruch, der Kadaver wurde an einem französischen Strand aufgefunden, wieder nach Lissabon verbracht, dort ausgestopft und erneut auf die Reise geschickt. Ach, ich mag solche Geschichten. Und darum bediene ich mich auch an ihnen, um aus der unendlichen Vielzahl meiner kreativen Optionen die sich mir als angemessen offenbarenden zu erkennen und sie entsprechend zu destillieren.“

amusio: „Geographie macht nicht zuletzt die Verbreitung und die Folgen von technologischer Innovation ablesbar. Du bringst den Begriff der Technography ins Spiel…“

Vitor Joaquim: „Ach, diesem Begriff gibt es wirklich (lacht)?! Ich hatte das zwar vermutet, bin dem aber nicht auf den Grund gegangen. Mir ging es bei dem vermeintlichen Neologismus indes tatsächlich um die Betonung des Zusammenhangs von Geographie, Technik und Evolution. Nun ja.“

amusio: „Mal angenommen, die Technologie hätte noch keine Computer, geschweige denn Laptops hervorgebracht. Würdest du dann auch Musik machen?“

Vitor Joaquim: „Ganz bestimmt. Dann würde ich noch mehr Zeit am Klavier verbringen. Technologisch ist so ein Teil ja noch immer High End. Ich spiele sehr viel Klavier, und davon ist auch jede Menge in meiner Musik enthalten, auch wenn man es nicht zu hören vermag.“

amusio: „Und wenn es noch nicht einmal Instrumente gäbe, würdest du dann auf Holz und Knochen trommeln?“

Vitor Joaquim: „Davon gehe ich aus. Denn im Sinne der Klangerzeugung widme ich mich auch noch heute den unterschiedlichsten Materialien und Werkzeugen. Die Welt ist Klang, und somit um so vieles mehr als die Geographie je wird abschließend ermessen und definieren können.“

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