Porträts brasilianischer Komponist/inn/en XXVIII

Von der Setzmaschine an die Gitarre

Wie viele andere Künstler ließ Rio de Janeiro auch den Tischlerssohn Patápio Silva (1880 – 1907) nicht mehr los. Dort fand der Nachkomme einer Familie aus dem Bundesstaat Pernambuco durch Gitarrenstunden bei João Elias zu den sentimentalen städtischen Modinhas, die er in Zukunft mit großer Könnerschaft zu begleiten verstand. Das Auskommen sicherte ihm freilich eine Stellung als verbeamteter Typograph, zu dem er bereits im Alter von sechzehn Jahren ernannt worden war. Dennoch oder gerade deswegen stand einer Solistenkarriere von nun an nichts mehr im Wege.

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Das wohl um das Jahr 1900 aufgenommene Foto zeigt den Virtuosen und Komponisten Patápio Silva mit seinem zweiten Instrument nach der Gitarre (patapiosilva, commonswiki, US p.d.).

Das wohl um das Jahr 1900 aufgenommene Foto zeigt den Virtuosen und Komponisten Patápio Silva mit seinem zweiten Instrument nach der Gitarre (patapiosilva, commonswiki, US p.d.).

Nicht zuletzt dank seiner Konzertauftritte mit Heitor Villa-Lobos, Irineu de Almeida oder José Cavaquinho und seinem Einsatz anlässlich von Tanzveranstaltungen entwickelte er sich zu einem populären Virtuosen von Choros, Walzern und Polkas. Für die Gitarre schuf er neben dem gefragten Instrumentalunterricht und professionellem Flötenspiel zahlreiche Arrangements und transkribierte andere Literatur für sein Instrument.

Silvas eigene Kompositionen mögen gegenüber seinem Ruf als Dozent und Arrangeur zu Lebzeiten in den Hintergrund getreten sein; heute gehören sie zum festen Bestand brasilianischer Kunstmusik. Dazu zählen Liebeslieder, Romanzen und Mazurken, aber auch Kammermusik wie die beiden Nocturnes für Flöte, Violine und Klavier.

Rio de Janeiro ist zwar dank der Copacabana und der Olympischen Sommerspiele 2016 eine Berühmtheit, aber noch nicht für seine reiche Kunstmusiktradition, die auch durch Patápio Silva bereichert wurde (James G. Howes, November 2007, p.d.).

Rio de Janeiro ist zwar dank der Copacabana und der Olympischen Sommerspiele 2016 eine Berühmtheit, aber noch nicht für seine reiche Kunstmusiktradition, die auch durch Patápio Silva bereichert wurde (James G. Howes, November 2007, p.d.).

Viel zu früh, nämlich siebenundzwanzigjährig, starb der begabte und bis jetzt auf unserem Kontinent beinahe unbekannte Musiker in der Absicht, vom Süden Brasiliens nach Europa zu reisen, in Florianópolis an einer Fieberinfektion, nachdem er dort in der Öffentlichkeit aufgetreten war. Legende bleiben seine vorhergehenden zahlreichen Auftritte in Brasilien selbst; für Furore sorgte er als Musiker gerade auch in Petrópolis und in der heutigen Riesenmetropole São Paulo.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.