Die Halbinsel Yucatán mit ihrer Metropole Cancún schließt an ihrer Ostküste zu einer bunten Inselwelt auf, wodurch auch Mexiko seinen Teil an der karibischen See beansprucht. Für zehn Jahre konnte der selbstbewusste Nordwestteil Mexikos als separate „Republik“ sogar eine gewisse Autonomie beanspruchen, bis er wieder an das Mutterland zurückfiel. Anschließende Versuche, sich wieder zu verselbstständigen, scheiterten jedoch. Gerade auf Yucatán finden sich zahlreiche Relikte aus der klassischen Periode der Maya-Kultur, die sich auch in späteren Generationen von Indigenen und Eingewanderten fortsetzte. Einer der Komponisten, die hier im Sinne einer Traditionspflege kreativ wurden, war Silvestre Revueltas, dessen Orchesterwerke Sensemaya (1938) und die Filmmusik Noche de los Mayas (1939) zum immergrünen Bestand mexikanischer Kunstmusik zählen.

Als Repräsentationsbau der Kolonialzeit entpuppt sich der Postpalast in Mexico City spätestens beim Betreten seines Treppenhauses ... (Escaleras del Palacio, Jediknight 1970, 19.9.2009, GNU Free Doc. Lic.).
Als Repräsentationsbau der Kolonialzeit entpuppt sich der Postpalast in Mexico City spätestens beim Betreten seines Treppenhauses … (Escaleras del Palacio, Jediknight 1970, 19.9.2009, GNU Free Doc. Lic.).

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde Mexico im Hinblick auf die Etablierung der Klassik von europäischer und teils auch nordamerikanischer Musik bestimmt. Einheimische Elemente führten aber bald zu einer Annäherung, teilweise auch zur Verschmelzung folkloristischer und importierter Stilrichtungen. Daraus entwickelte sich unter anderem eine ganz eigene Variante des Walzers, die von Komponisten wie Juventino Rosas oder Ernesto Elorduy gepflegt wurde.

Jugendbildnis von Silvestre Revueltas (1899 - 1940), der die Wurzeln der Maja-Kultur klanglich zu ergründen suchte (30.6.2011, p.d.)
Jugendbildnis von Silvestre Revueltas (1899 – 1940), der die Wurzeln der Maja-Kultur klanglich zu ergründen suchte (30.6.2011, p.d.)

Im Werk von Carlos Chávez ist die Assimilation an die westliche musikalische Idiomatik deutlicher als bei Revueltas, der viel stärker auf die strukturellen Grundlagen mexikanischer Musik rekurriert und ähnlich wie Strawinsky in Le Sacre du Printemps eine im religiösen Kult verwurzelte indianische Vorwelt mitsamt ihrer Klanglichkeit heraufbeschwört. Was beide Komponisten zudem trennt, ist Chavez‘ deutliche Bezugnahme auf die aztekischen Vorfahren und nicht auf die Maya-Kultur, die mehr die Osthälfte des Landes prägt.

Weniger bekannt ist, dass das erste Musikdrama Mexikos, nämlich die Oper La Parténope von dem Organisten und Kapellmeister Manuel de Sumaya, bereits 1711, für Süd- und Mittelamerika also zu einem frühen Zeitpunkt, das Licht der Bühne erblickte. Etwa zwanzig Jahre später verwendete Händel das Libretto mit seiner spezifischen Auslegung des Stoffes. Sumaya, der vorwiegend in Mexico City wirkte, widmete sich allerdings überwiegend der Gebrauchsmusik für die Kirche und komponierte nur nebenbei Villancicos und Opern. Seit der Barockzeit entfalteten sich westlich und mexikanisch geprägte weltliche Tanz-, Lied- und Instrumentalszenen nahezu „sprunghaft“.

Der jarabe tapatío als Paartanz auf den 'becas cervecerías' in Mexico City (Talento tec, 16.4.2012, CC-Liz.)
Der jarabe tapatío als Paartanz auf den ‚becas cervecerías‘ in Mexico City (Talento tec, 16.4.2012, CC-Liz.)

Ähnlich wie dem Walzer erging es übrigens nach 1800 der neu eingeführten und schnell zur Modeerscheinung gewordenen Polka, die zum Ausgangspunkt für das gesamte einheimische Repertoire populärer Sanges- und Tanzkultur, auch bekannt unter dem Begriff conjunto norteño, wurde. In diesem großen und von Region zu Region variierenden Fundus finden sich ebenso tragende Elemente des indigenen jarabe und der danza mexicana.

Erst 1928 kam es dank der Initiative von Carlos Chávez zur Gründung eines nationalen Symphonieorchesters, der Orquesta sinfónica mexicana. Am 28. und 30. Oktober sind in Mexico Citys Sala del Palacio de Bellas Artes Rachmaninoffs 2. Klavierkonzert, Schostakowitschs Kassenschlager, sein Walzer Nr. 2 aus der zweiten Jazz-Suite und Mussorgskys Bilder einer Ausstellung zu hören. Iván López Reynoso dirigiert das renommierte Orchester, der Solist am Flügel ist Conrad Tao.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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