Aus Pierre Phalèses Tanzbuch

Von Friuli aufs europäische Parkett

Da auch im Nordteil der Region Primorska, dem mittelgebirgigen Goriška, Friuli noch häufiger als Slowenisch oder Italienisch gesprochen wird, liegt es nahe, zu vermuten, dass es sich ebenso kulturell um eine seit langem zusammenhängende Region handelt. Die Teilung durch eine Staatsgrenze hat sicher zu einer teilweisen Verselbstständigung des Ostens vom Westen geführt, und doch scheint unter verschiedenem Namen das Gemeinsame durch.

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Pietro Longhi (1702 - 1785) schuf neben anderen häuslichen Tanzszenen diese Darstellung der Forlana, auf der man nur in der rechten Bildhälfte den männlichen (Vor-)Tänzer sieht (Firstdegano, 4.1.2013, CC-Liz.).

Der Rokokomaler Pietro Longhi (1702 – 1785) schuf neben anderen kuriosen häuslichen Szenen diese Darstellung einer Forlana-Präsentation, auf der man nur in der rechten Bildhälfte den männlichen (Vor-)Tänzer sieht (Firstdegano, 4.1.2013, CC-Liz.).

So verhält es sich etwa im Fall des Ballo forlane, der angeblich aus Campieli (in Venetien?) stammt: Der zweitaktige und vorerst gemächliche Werbetanz à deux ou à quatre ist uns als echte Rarität glücklicherweise aus dem 1583 erschienenen Antwerpener Tanzbuch Chorearum molliorum collectanea des flämischen Kupferstechers und Musikverlegers Pierre Phalèse überliefert.

In anderer Gestalt taucht die Forlana, auch als Frulana oder Friauler bekannt, dann wieder im 17. Jahrhundert auf, diesmal jedoch in einem geschwinden 6/4- oder 6/8-Takt. Pietro Paolo Melli führt in seiner Lauten- und Theorbentabulatur von 1620 ein Beispiel des Tanzes auf, den er der französischen Manier der Schapigliata zuschreibt. Noch André Campra bedient sich 1697 des damals schon populären Volkstanzes in seinem Opernballett L’Europe galante. J.S. Bach lieferte ein Musterexempel der beschleunigten Variante in seiner Orchestersuite C-Dur: Hier stellen die Oboen und die erste Violine ein eher ruhiges Thema über wild flickerndem Orchestersatz vor.

Die Karte von Friaul fertigte Giovanni Andrea Valvassori im Jahr 1553; die von dort wohl herrührende Forlana als zunächst langsamer Werbetanz taucht ... zum ersten Mal in schriftlicher Fassung auf (Mj6s, p.d.).

Die Karte von Friaul fertigte Giovanni Andrea Valvassori im Jahr 1553 an; die aus dieser Region wohl herrührende Forlana als zunächst langsamer Werbetanz taucht dreißig Jahre später zum ersten Mal in schriftlicher Fassung auf (Mj6s, p.d.).

Nach einer anderen Quelle erfuhr die Forlana nochmals um und nach 1780 die große Neigung des Publikums. Italienische Musikforscher entdeckten und beschrieben die Kontinuität des ursprünglich in einer eng umgrenzten Region gepflegten Tanzes bis hin zum Walzer des 19. Jahrhunderts.

Ernest Chausson (1855 - 1899)

Ernest Chausson bevorzugte in seiner scheinbar beliebigen Sammlung ‚Quelques danses‘ die geschwinde Variante der Forlana aus dem 17. Jahrhundert (Foto ca. 1885, P. Frois, Biarritz, Bibl. nat. de France, US p.d.).

Gänzlich kurios gestaltete sich das Wiederaufgreifen des Volkstanzes aus der Asservatenkammer der „Alten Musik“ im 20. Jahrhundert: Ravel trägt zwischen 1914 und 1917 zur Erinnerung ihrer ursprünglich langsameren Gangart mit der Klaviersuite Le Tombeau de Couperin bei, wo sie eine eher beschaulich wirkt. Wie beliebig hinzugefügt scheint sie in Ernest Chaussons Suite Quelques danses von 1896, wo sie zwischen einem raschen Dreier- und Sechsertakt changiert. Und sowohl Richard Harvey in seinem Concerto Antico für Gitarre und Orchester als auch vor ihm Gerald Finzi in seinen Fünf Bagatellen lassen sie an jeweils vierter Position wiederaufleben – sicherlich in Anlehnung an Bachs Orchestersuite, wo sie nach der Gavotte gleichfalls den vierten Satz bildet …

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.