„Jollohohoho! Heho!“ – Wagner-Wucht am Wasser

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Senta, der Holländer und der „vermittelnde“ Vater Daland: sieht nach einer Erfolgsgeschichte aus… Foto: Theater Kiel

Das Prinzip „Zuckerbrot & Peitsche“ trifft für weite Teile der Oper zu. Auf „tosende“ Passagen, in denen vor allem die Streicher des Orchesters gewaltige Läufe spielen und „Wind machen“ folgen lyrische Gesänge. Immer wieder lässt Wagner seine „Helden“ Passagen ohne Begleitung des Orchesters singen  – ein sehr wirkungsvoller Effekt, denn die Worte haben dadurch ein besonders Gewicht. Eine spannende Suche: wie erzielt der von Thielemann als „Rattenfänger“ & „Parfümeur“ betitelte Wagner seine Wirkung und mischt seine „Droge“?

Mit warmherziger Stimme drückt der Jäger Erik (Sung Kyu Park) seine tiefe Liebe sehr überzeugend aus und schmettert seiner Verlobten Senta (Orla Boylan) die Frage entgegen: „Mein Leiden, Senta, rührt es dich nicht mehr?“ Mit Gänsehaut-Wirkung die Antwort: ein langes Oboen-Solo – Worten findet Senta offensichtlich erstmal nicht. Umso intensiver dann der späte Einsatz mit ihrer ausdrucksstarken Stimme!

Besonders in seinem ersten Auftritt erzählt der Holländer (Jörg Sabrowski) seine Lebensgeschichte oft passagenweise ohne Orchesterbegleitung und zeigt schon dadurch eindrucksvoll seine einsamen Fahrten übers Meer. Er muss erst etwas Fahrt aufnehmen, setzt aber dann im Verlauf der Oper „alle Segel“ und ist im dritten Akt in „voller Fahrt“. Mit seiner vollen Stimme beeindruckt er, die viele Register von zart bis kommando-hart besitzt. Ob und wie er den ersehnten Tod erreichen kann – dies ist die spannende Frage im „Fliegenden Holländer“.

Die Kieler Inszenierung endet da überraschend und lässt viele Fragen offen – der große Applaus zeigte dabei, dass dies viele Opern-Besucher offensichtlich sehr schätzten. Begeistert wurde auch das sehr agil und mitreissend spielende Philharmonische Orchester für seine große Leistung beklatscht.

Sicherlich kann insgesamt neben den umfangreichen Themen, die der Text liefert auch aus jeder Pause, jedem Einsatz etc. viel herausgelesen werden – doch Thielemann fasst den Inhalt eher pragmatisch kurz zusammen: „Ich jedenfalls würde in den Stoff nicht zu viel hineingeheimnissen. Das Werk hat für mich eine klare, einfache Botschaft: wenn du etwas zu sehr willst im Leben, wirst du es nie erreichen. Wenn du etwas zu sehr willst, richtest du nur Unheil an.“

„Nachspann“

Warum hat Wagner nicht auch ein paar „innere Stimmen“ überhören und damit die Themen bzw. Deutungsebenen „eindämmen“ können? Das vielschichtige Spiel kann schon starken „Seegang“ beim Hören und Miterleben auslösen – doch dabei wirken die verschiedenen Themen derart stark miteinander verbunden, dass sie offensichtlich zusammengehören müssen und wohl nur so betrachtet werden können. Auch wenn bei Wagner (besonders für den Laien!) sicherlich auch immer wieder die Gefahr des „Überfrachtens“ besteht und seine Musik teilweise schwülstig ist oder an anderen Stellen zu werden droht – wie er die vielen Themen zusammenführt ist meisterhaft.

In den Straßen Kiels natürlich noch präsent... Foto: Matthias Berg

Im Kieler Vorort Schilksee… Foto: Matthias Berg

Ungemein beruhigend, dass es doch nur in der Oper eine derartige „Vielschichtigkeit“ gibt – die zudem noch (zumindest in Kiel) mit dem Anker durchbrochen werden kann. Denn die vielen großen und kleinen Anker der Schiffe im Kieler Hafen fallen doch nur ins Wasser und der „Fliegende Holländer“ taucht höchstens noch als Touristen-Attraktion oder Straßenname auf. Doch wenn er nicht gestorben wär…?

Weitere Aufführungen: 14., 20. & 27. April sowie 17. Mai.

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Über Matthias Berg

"Startphase" mit Praktikum bei der taz und Studium in Hamburg & Bonn (Geographie & Journalistik). Arbeitet freiberuflich in Kiel und kreuzt dabei leidenschaftlich gerne mit Cello oder Segelschiff über Musik- & Meereswellen.