Denkwürdige Uraufführung am 1. Januar 1734

Triumphale Botschaft zum neuen Jahr

Keiner konnte es ahnen, dass zwanzig Jahre nach diesem Ereignis die Stadt von einem schweren Erdbeben komplett verwüstet werden sollte: Für eine Aufführung in der Italienischen Kirche Lissabons hatte der Cembalist António Teixeira ein mit 20 (!) Partiturstimmen monströs angelegtes Te Deum vorgesehen. Dabei handelte es sich gerade in Portugal freilich um keine Seltenheit, denn die im 17. Jahrhundert sonst in Europa vollzogenen Wandlungen im musikalischen Satz waren hier nahezu spurlos vorübergegangen, so dass die Vielstimmigkeit der Spätrenaissance noch bis hinein in die Vorklassik eine prominente Rolle spielen konnte. Glücklicherweise liegt uns das meisterliche Te Deum nicht nur in Noten, sondern auch in einer „historisch informierten“ Aufnahme mit dem Chor The Sixteen und dem renommierten Barockdirigenten Harry Christophers vor.

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Am Neujahrstag 1734 erklang das mit 20 Stimmen ungewöhnlich extensiv besetzte Te Deum von António Teixeira zum ersten Mal in der Kathedrale von Lissabon - ein guter Anlass nun, es wieder zu hören (SchiDD, GNU Free Doc. Lic.).

Am Neujahrstag 1734 erklang das mit 20 Stimmen ungewöhnlich extensiv besetzte Te Deum von António Teixeira zum ersten Mal in der Kathedrale von Lissabon – ein guter Anlass nun, es wieder zu hören (SchiDD, GNU Lic.).

Die Wahl eben eines italienischen Gotteshauses für das triumphale Neujahrskonzert in seiner Heimatstadt ist wohl in der Biographie des Komponisten begründet: Der 1707 in Lissabon geborene Musiker hatte nämlich in den zwölf Jahren seiner Anwesenheit in Rom von 1717 bis 1729 eine gründliche Ausbildung bei dem Organisten und Kapellmeister Giuseppe Ottavio Pitoni (1657 – 1743) erhalten. Bei diesem an diversen römischen Kirchen engagierten Lehrer handelt es sich um ein Kuriosum: Denn diesem wird die Autorschaft von rund 3500 Werken zugeschrieben, die allerdings ausschließlich für kirchliche Zwecke bestimmt waren. Teixeira orientierte sich stilistisch ebenso wie sein Landsmann João Rodrigues Esteves an Vorbildern aus Italien; damit korrespondiert die Feststellung, dass sich die königliche Kapelle in dieser Zeit fast ausschließlich aus sehr gefragten italienischen Musikern wie Domenico Scarlatti zusammensetzte.

Harry Christophers spielte für das Label Coro António Teixeiras hochpolyphones Chor-und Orchesterwerk von 1734 ein (der Dirigent hier in Versailles am 25.6.2012, Jebulon, p.d.).

Harry Christophers spielte für das Label Coro António Teixeiras hochpolyphones Chor-und Orchesterwerk von 1734 ein (der Dirigent hier in Versailles am 25.6.2012, Jebulon, p.d.).

António Teixeiras Kompositionen werden bis zum heutigen Tag in derjenigen Kathedrale aufbewahrt , in der er selbst 1728 zum Kapellmeister ernannt worden war. Bemerkenswert für seine Karriere, die von da ihren Ausgang nahm, ist, dass er außerdem sieben Opern in Singspielform mit Langmarionetten für das Theater der Oberstadt, das Bairro Alto Lissabons, schuf. Sie entstanden in dem relativ kurzen Zeitraum zwischen 1733 und 1739 und enthalten darüber hinaus die erste komische Oper Portugals; möglicherweise steht diese in Beziehung zu der heiteren Kantate Gli sposi fortunati aus dem Jahr 1732. Mit der Ausnahme des 1968 musikphilologisch restaurierten Bühnenwerks Die Verwandlungen des Proteus (1737), das für ein anderes Theaterhaus, nämlich dasjenige von António José da Silva bestimmt war, müssen die übrigen vorerst für verschollen erklärt werden.

Hörenswert auch zum Neujahrstag 2017: The Sixteen mit Harry Christopher und Teixeiras Te Deum (ASIN: B00006l3WJ, 2003, Coro/Note1)

Hörenswert auch zum Neujahrstag 2017: The Sixteen mit Harry Christopher und Teixeiras Te Deum (ASIN: B00006l3WJ, 2003, Coro/Note1)

Wenig bekannt ist außerhalb Portugals, dass António Teixeira, der übrigens nicht mit einem lebenden gleichnamigen Komponisten verwechselt werden sollte, vielmehr der Glanzepoche der königlichen Kapelle Lissabons angehört, dass auf ihn auch eine Concertata für Streicher, Oboen, Flöten, Trompeten und Waldhörner zurückgeht, die in dieser Kombination vielleicht nicht zufällig, sondern deutlich an diejenige von J.S. Bachs 1. Brandenburgischem Konzert erinnert. Ein kleines, aber feines orchestrales Duo aus der Hand des Kirchenkapellmeisters für die aparte Besetzung von Sopran, Streichern und Cembalo besitzt im übrigen die Bibliothek von Évora. Trotz des ebenso vielseitigen „weltlichen“ Engagements des 1776 verstorbenen Komponisten gilt bis heute sein für die  Entstehungzeit inmitten empfindsamer vorklassischer Trends der 1730er Jahre renaissancehaft breit besetztes Te Deum als herausragendes Opus.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.