Neues aus Neuseeland, der Schweiz und aus Tschechien

Vier auf einen Streich

Die öffentliche, nicht immer informierte Meinung attestiert der Musik von Streichquartett-Ensembles und ähnlichen Kleingruppierungen im allgemeinen, dass diese eine wahrhaft bierernste Sache betreiben. Aber den einen macht Bier nur müde, eine(n) andere(n) inspiriert es möglicherweise und legt ihn zu Scherzen, Streichen – oder Scherzi? – auf. Und in der Tat sprudelt der Spielfluss so manchen Quartetts dann, wenn es um den häufig in Gestalt des Scherzo auftretenden dritten Satz geht, munter und fröhlich dahin, selbst wenn die Ausgangstonart in Moll steht. Dies gilt sogar für die Beiträge (angeblich) wenig humorvoller Komponisten wie Johannes Brahms.

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Ist die Musik von Streichquartett-Ensembles wirklich immer eine BIERernste Angelegenheit oder geht es auch anders? Ja, und damit ist es wohl keine reine Ansichtssache mehr ... (bines, 15.11.2011, CC-Liz.)

Ist die Musik von Streichquartett-Ensembles wirklich immer eine BIERernste Angelegenheit oder geht es auch anders? Ja, und damit ist es wohl keine reine Ansichtssache mehr … (bines, 15.11.2011, CC-Liz.)

Überzeugen kann man sich davon mit der aktuellen Aufnahme des New Zealand String Quartet, die erst seit dem vergangenen Jahr vorliegt und vielleicht noch gar nicht bis zu denen vorgedrungen ist, die Kammermusik der Hoch- und Spätromantik zu schätzen wissen. Die für ein Streichquartettensemble nicht eben niedrige Zahl von etwa 80 heimischen und internationalen Konzertauftritten sorgte weithin für Aufmerksamkeit, mehr noch taten es weltweit betrachtet die Aufnahmen, die Mendelssohns Musterbeispiele der Gattung einschließen, aber gerne weniger bekannte Werke bieten: Douglas Lilburns Beiträge zu verschiedenen Besetzungen etwa, neben dem e-Moll-Quartett ein Streicher-Trio, das so genannte, kurz nach seinem Erscheinen 1939 prämierte Phantasy Quartet und eine Reihe von Canzonettas für Violine und Viola.

Im vergangenen Sommer erst erschien das neue Album des New Zealand String Quartet: Brahms' Streichquartette 1 und 2 (Naxos)

Im vergangenen Sommer erst erschien das neue Album des New Zealand String Quartet: Brahms‘ Streichquartette 1 und 2 (B01FXRZCEI, Naxos).

Da das Schaffen dieses bislang bedeutendsten neuseeländischen Komponisten zeitweise von ultramodernen Strömungen geprägt war, sich sonst aber bei jeweils individueller programmatischer Ausrichtung vorwiegend traditioneller harmonischer Ausdrucksmittel bediente, klingen diese Stücke entsprechend unterschiedlich und vor allem interessant. Béla Bartók hatte die vier, die aktuell von Helene Pohl (1. Violine), Monique Lapins (2. Violine), Gillian Ansell (Viola) und Rolf Gjelsten (Violoncello) repräsentiert werden, in seinen Bann gezogen, weshalb sie sein komplettes Opus für die Gattung Streichquartett einspielten; auf die Aufnahme von John Psathas‘ Rhythm Spike hatten wir anderer Stelle bereits hingewiesen.

Prägnante Beispiele für brasilianische - auch folkloristisch beeinflusste - Kammermusik à deux, à trois oder solo bietet das ARARA Trio von Daniel Pezzotti mit der Aufnahme von 2015 (61WBLD5Z4AL, Leblon Records).

Prägnante Beispiele für brasilianische – auch folkloristisch beeinflusste – Kammermusik à deux, à trois oder solo bietet das ARARA Trio von Daniel Pezzotti mit der Aufnahme von 2015 (B0165PNDT8, Leblon Records).

Namhafter und seltener Kammermusik aus Brasilien widmete sich 2015 das Schweizer ARARA Trio um Daniel Pezzotti. Dabei handelt es sich nicht um eine singuläre Hommage wie sie das Cello-Album von Yo-Yo Ma darstellte, sondern um das Ergebnis eines langen Prozesses von Bemühungen, unerhörtes brasilianisches Repertoire in Europa endlich zu Gehör zu bringen. Zusammen mit Daniel Erni und Matthias Ziegler bietet der auch als Jazzmusiker gefragte Züricher Cellist Pezzotti neben „Allgemeingut“ wie Villa-Lobos‘ Bachianas Brasileiras eine Modinha, eine Sonate für Cello und Violine, vier Stücke für Flöte und Violine und das Trio de Janeiro.

Wiederum eine vollblütige und durchdachte Interpretation lieferte 2015 das Pavel Haas Quartet mit Smetanas beiden Streichquartetten (B00TKG6X2O, Supraphon Records).

Wiederum eine vollblütige und durchdachte Interpretation lieferte 2015 das Pavel Haas Quartet mit Smetanas beiden Streichquartetten (B00TKG6X2O, Supraphon Records).

Erst im Jahre 2002 wurde das junge Pavel Haas Quartett aus der Taufe gehoben, deren Mitglieder die im Streichquartettspiel erfahrene Geigerin Veronika Jarůšková damals in Prag rekrutierte; dazu gehören heute die Violinistin Eva Karová, der Bratschist Pavel Nikl und der Cellist Peter Jarůšek. Als grundlegend gilt den vier tschechischen Musikern natürlich die Kammermusik ihres Landsmanns Pavel Haas, der 1941 von den Nazis verschleppt und in Auschwitz ermordet worden war. Dem Gesamtklangbild des Ensembles wurde ein vollblütiger leidenschaftlicher Ton zugeschrieben, der ihm den Weg an die internationale Spitze ebnete. Wie selbstverständlich gehört zum immer wieder gespielten Repertoire des Quartetts die subtil-feinsinnigen wie intellektuell anspruchsvollen Stücke von Leoš Janáček, etwa dessen Intime Briefe, außerdem Beethovens Op. 18, Op. 135 und Op. 95. Zu einem Longseller dürfte auch die 2015 vorgestellte avancierte Interpretation von Smetanas zwei berühmten Quartetten Aus meinem Leben werden.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.