Interview mit Gareth Dickson

„Ich kann keine Songs im Kopf schreiben“

Gareth Dickson (facebook.com/garethdicksonmusic)

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amusio: „Dabei stellt er aber keinen atmosphärischen Ausreißer dar, sondern fügt sich nahtlos ins Klangbild ein. Das spricht doch für die Ansicht, Orwell Court sei ziemlich schattig ausgefallen. Aufgefallen ist mir jedoch auch eine weitere Verdichtung des Gitarrensounds. Es entsteht ein nahezu durchgängiger Flow, der mich phasenweise sogar an die continuous music des Pianisten Lubomyr Melnyk erinnert.“

Gareth Dickson: „Da muss wohl was dran sein. Vor kurzem bin ich als Support für ein Konzert von Lubomyr Melnyk in Paris angefragt worden. Leider hat es nicht geklappt. Tatsächlich bin ich in den letzten Jahren kaum noch von Gitarrenmusik oder Folk beeinflusst worden. Deutlich stärker hingegen von klassischer Musik und Klavier: viel Schubert, viel Beethoven. Und von elektronischem Ambient. Die entsprechenden Frühwerke von Aphex Twin wären da an erster Stelle zu nennen. Deren Einfluss ist kaum zu unterschätzen.“

amusio: „Verfolgst du auf Orwell Court eine durchgängige Thematik? Etwa die überwachter Wohnkomplexe, mit dem bekannten Orwell Court in London als Beispiel?“

Gareth Dickson (facebook.com/garethdicksonmusic

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Gareth Dickson: „Es geht in diese Richtung. Einen Orwell Court gibt es auch in Glasgow. Ich komme häufig dort vorbei. Der Titel korrespondiert mit einer ganzen Reihe von Erscheinungen des modernen Lebens. Und erlangt so auch eine politische Dimension. Es geht nicht zuletzt um die Gefährdung von Privatsphäre im Orwellschen Sinne. Mir könnte es zwar egal sein, ob die ganze Welt weiß, ob ich nun hetero oder schwul bin, um nur ein Beispiel zu geben. Aber dass das Private überhaupt interessieren könnte, empfinde ich als bedrohlich. Verkürzt gesagt, statten die modernen Kontrollmechanismen den Staat mit zu viel Macht aus. Und dieser Machtüberschuss ebnet nicht zuletzt der Renaissance des Faschismus als Staatsraison einen für uns alle sehr gefährlichen Weg. Orwell Court beschreibt jenes unterschwellige Unbehagen, das offenbar schon längst wieder zur Normalität geworden ist.“

amusio: „Oder zur Ablehnung des Bestehenden führt. Wie etwas beim Brexit. Interessant nur, dass es anschließend kaum einer zu verantworten haben will. Ich kenne niemanden, der sich dazu bekennt, für den Brexit gestimmt zu haben…“

Gareth Dickson: „Das erinnert mich an das Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands vor zwei Jahren. Angeblich wollen alle für die Unabhängigkeit gestimmt haben. Vermutlich hat den Schotten letztlich doch der Mut gefehlt, wiewohl die Ablehnung der Londoner Politik, die Anti-Kriegsbewegung sowie ein stark sozialistisch geprägtes Klima gut und gerne zu einem anderen Ausgang hätten führen können. Der Brexit hingegen, da gebe ich dir recht, erinnert eher an mutwillige Zerstörung.“

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