Interview mit Hans Castrup

„Ich behaupte für mich auch die Verlegenheit eines Prinzips“

(Hans Castrup)

(Hans Castrup)

amusio: „Wie vollzieht sich diese mitunter konfliktbehaftete Simultanität, beziehungsweise das Verhältnis von Huhn und Ei in deiner Werkweise?“

Hans Castrup: „Die Frage nach der Konstellation von Huhn und Ei gefällt mir. Manchmal glaube ich, dass mir beide zeitgleich von einem seltsamen Punkt im Nichts aus erscheinen. Konkret am Beispiel der Videos entstehen die ersten kleinen bis mittellangen Filmsequenzen unabhängig von einer späteren Verwendung. Ich sammle diese Bilderfolgen bevorzugt auf meinen alltäglichen Wegen, meistens ohne den unbedingten oder festen Vorsatz, wirklich etwas zu produzieren. Häufig fallen diese kleinen Filme anschließend der Löschfunktion zum Opfer. Wenn ich jedoch ahne, dass mir unterwegs etwas begegnen könnte, das des Festhaltens lohnt, nehme ich hierzu dienliche Geräte mit und halte dann auch gezielt Ausschau.“

amusio: „Du folgst also deinem Instinkt?“

Hans Castrup: „Oder letztlich doch nur dem Zufall. Wobei der Begriff des Zufalls ein recht eigenartiger ist, über den ich hier jetzt stundenlang referieren könnte. Ich habe im Laufe der Zeit festgestellt , dass es im Hinblick auf eine Entkräftung des Zufallsmoments darauf ankommt, sehr genaue Beobachtungen der direkten und täglich erfahrbaren Umgebung anzustellen. So sensibilisiere ich meine Auffassungsgabe für das, was dort in seinen eigenen kleinen Kosmen existiert. Das vermeintlich Große erweist sich oft, wenn nicht sogar unbedingt, im Kleinen als bereits vollendet abgebildet.“

Hans Castrup (Hans Castrup)

Hans Castrup (Hans Castrup)

amusio: „Magst du die Entstehungsgeschichte einiger deiner musikalisch-akustischen Arbeiten kommentieren?“

Hans Castrup: „Die Videos für shadowplay stellen in diesem Zusammenhang meine erste größere eigene Arbeit dar. Die Ausführung in schwarz-weiß ist natürlich der Assoziation zum Titel der CD geschuldet. Die Komponenten sind jedoch unabhängig voneinander und innerhalb sehr unterschiedlicher Zeiträume entstanden, ohne dass ich vorher bei dem einen an das andere gedacht hätte. Die Zusammenführung der Elemente kam erst bei der Videoproduktion zustande. Wobei ich dann, zugegeben, hier und da etwas an Bildhaftigkeit der Musik hinzugefügt habe, um einen für mich letztlich doch harmonischen Gesamtzusammenhang herzustellen. Bei derLizenzfreien Restwärme – Thomas Herbst von Karlrecords sei an dieser Stelle gedankt – war die Vorgehensweise eine andere. Zunächst sind die Texte – ebenfalls über einen längeren Zeitraum – entstanden. Ich verfügte über ein riesiges Konvolut aus erzählenden Sätzen, die ich dann soweit zusammenkürzte, dass nur noch Skelette übrigblieben, nach Möglichkeit ohne jegliches Stückchen Fleisch oder gar Fett daran. Die Musik wurde im Sinne einer Parallelebene auf ähnliche Weise produziert. Aus diversen recht langen und bereits zuvor geschichteten Passagen wurden kürzere extrahiert und anschließend wieder zu neuen Collagen zusammengeführt und übereinander geschichtet. Zum Schluss wurde das Ganze noch einmal einem Schneideprozess unterzogen. Der erste Titel ist ein gutes Beispiel für meine Vorgehensweise. Es erklingen kurze Akkorde und Dissonanzen, die den Eindruck erwecken, auf einem Keyboard eingespielt worden zu sein. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um kurze Ausschnitte aus vorher zu verschiedenen Zeiten vielschichtig übereinander gelagerten Passagen.“

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