Interview mit Hans Castrup

„Ich behaupte für mich auch die Verlegenheit eines Prinzips“

(Hans Castrup)

(Hans Castrup)

amusio: „Wie hast du dabei die eigene Orientierung wahren können? Und woran kann, darf oder soll sich der Hörer orientieren?“

Hans Castrup: „Musik und Text finden in meinem Kopf zusammen. Und, hoffentlich, in den Köpfen der Rezipienten. Daher der von mir gewählte Gattungsbegriff Instant-Hörbuch‘, in Anlehnung an Holger Czukays Begriff des Instant Composing‘. Wobei mir klar ist, dass die von mir empfohlene Herangehensweise, die Texte zu lesen und dabei die Musik zu hören, eigentlich kaum zu bewältigen ist. Aber der Versuch mag sicher einige neue Erfahrungen mit sich bringen und ist es wert, unbedingt einmal ausprobiert zu werden.“

amusio: Deine Kunst lässt sich auch als als eine Methodik abstrakter Raumfindung subsumieren. Oder, vielleicht noch zutreffender, als Erschaffung abstrakter Räume. Ein entscheidender Unterschied?“

Hans Castrup: „
Der abstrakte Raum ist in meiner Wahrnehmung der nahezu pure Begriff eines Raumes. Eine Kunstwissenschaftlerin hat diese Räumlichkeit mir gegenüber einmal als Nicht-Raum in meinen Bildern bezeichnet. Als ein Raumgefüge, das sich aus nicht-gegenständlichen Elementen zusammensetzt, die im Original wenig oder nichts mit einer wirklichen Raumsituation zu tun haben. Gegenüber dem Rezipienten wird eine Perspektive aus Licht- und Schattenwirkung zwar simuliert, jedoch nicht real abgebildet. Auch werden theoretische Bedingungen nicht erfüllt, was mir inhaltlich sehr gut gefällt. Hier begebe ich mich zugleich recht weit auf das Territorium des Handwerklichen in der Malerei. Der Begriff lässt sich aber auch hervorragend auf die Videoproduktion anwenden, wenn zum Beispiel im Blue, Green oder Black Box-Verfahren künstliche Raumzusammenhänge erzeugt werden. Führt man diese Verfahren mit abstrahierten oder nicht-gegenständlichen Elementen durch, entstehen auch hier Nicht-Räume. Ich unterscheide also zwischen der Abstraktion von etwas und der reinen Nichtgegenständlichkeit.“

Hans Castrup (Hans Castrup)

Hans Castrup (Hans Castrup)

amusio: „Inwiefern kommt dieses Raumverständnis in deinem musikalischen Schaffen zum Tragen?“

Hans Castrup: „Die Herstellungsweise meiner Toncollagen verläuft ähnlich. Ich bin von meiner Art der Bild- und Musikerzeugung begeistert und absolut überzeugt, da sie eine Unkenntlichmachung der Ursprünge beziehungsweise Herkunft von Bildern oder genauso von Musikelementen möglich macht, diese dann auf eine neue Ebene transponiert und inhaltlich dadurch neu öffnet. Das betrifft auch das zeitgenössische Instrumentarium der Klangerzeugung. Anhand einer Aufnahme lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob ein Klavier ein reales Klavier ist oder das Sampling eines solchen. Ob es sich bei dem Raum, in dem es gespielt wurde, um einen realen Raum oder die Simulation eines Raumes handelt. Und auch nicht unbedingt, ob ein auf einer Aufnahme gespielter Synthesizer physisch existent oder seine elektronische Nachbildung aktiv ist. Bei markenlosen VST-Instrumenten wird es dann vollends verwirrend.“

amusio: „Es geht also die Auslösung von freien Assoziationsketten mit deiner Gabe einher, dich selbst zu überraschen?“

Hans Castrup: „Sowohl als auch. Das Fehlen einer direkten oder eindeutigen Assoziation des Publikums wie meinetwegen ‚aha, ein Klavierton oder ein Moog oder ‚dort auf dem Bild ist eine Blumenvase abgebildet, setzt einen Prozess in Gang, der einer Suche nach etwas mit dem Gesehenen oder Gehörten Vergleichbaren ähnelt – und der dann bei jedem Rezipienten auf ganz unterschiedliche Pfade führen kann. Denn das Gehirn versucht ja ständig, Vergleiche anzustellen. Und hier wird es für mich besonders interessant. Es entsteht etwas, das ich, wenn ich nur lange genug geschichtet und verändert habe, im Ergebnis als etwas Neuesbezeichnenkann. Sozusagen. Die Begriffe abstrakt, nicht-gegenständlich oder gegenständlich verlieren ihre Gültigkeit, da das auf diese Art erzeugte Ergebnis sich auf seine Weise als Objekt, auch wenn es aus Klang besteht, gegenüber Assoziationen als autonom erweist.“

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