Interview mit Hans Castrup

„Ich behaupte für mich auch die Verlegenheit eines Prinzips“

(Hans Castrup)

(Hans Castrup)

amusio: „Verweist dein gewolltes Ausbleiben definiter Konkretisierung auch auf eine Art interesseloses Wohlgefallen im Sinne eines Immanuel Kant, der in seiner Kritik der Urteilskraft von der Zweck- und Gegenstandslosigkeit als einem Indiz für Schönheit ausgeht?“

Hans Castrup: „Kant, wie ihn keiner gekannt?! Nun, ich behaupte für mich auch die Verlegenheit eines Prinzips. Ich kann jedoch schlechterdings objektiv urteilen. Hinsichtlich der Arbeiten anderer Künstler vielleicht noch eher als in Bezug auf die eigenen. Der ästhetische Wert eines Artefakts liegt definitiv in Auge und Ohr des Rezipienten. Da lässt sich nichts vorschreiben. Ein Death Metaller wird Übelkeit bei Helene Fischer empfinden, wobei es derer Verehrer im Umkehrschluss sicherlich ebenso ergeht. Beide Musik-Produkte haben dabei jedoch, zumindest aus Sicht ihrer Hersteller, absolute Bedeutung und Existenzberechtigung. Neutral geurteilt ist keine von beiden aufhebbar. Wenn ich etwas Schönesgleich welcher Art und Prägung – gemacht habe, heißt das zum einen noch lange nicht, dass jemand anderes es genau so empfindet. Und zum anderen halte ich es nicht für erstrebenswert, künstliche Umwege um ästhetische Ausprägungen zu machen. Es wäre genauso falsch, das Schöne als schlecht zu bezeichnen, wie umgekehrt das Schlechte als schön. Vielleicht kann man behaupten, gewisse Problematiken nicht in ästhetischer Weise porträtieren zu können. Das Dürfen muss hier allerdings ausgeschlossen werden, so ich im Prinzip den Standpunkt verbieten verboten vertrete. Dekorative Arbeiten lehne ich strikt ab, kann mich jedoch nicht dagegen wehren, wenn insbesondere meine Bilder in diesem Sinne verwendet werden, sobald sie aus dem Haus sind. Aber das ist ein ganz eigenes Thema.“

amusio: „Und wenn deine Musik als Stimmungsstifter im Hintergrund oder als Einschlafhilfe für Säuglinge Verwendung findet, tangiert dies entsprechend auch deine Wehrlosigkeit? Oder gar deine Kulturkritik?“

Hans Castrup: „Heute befinden wir uns in einer absolut surrealen Welt, deren einzelne Teile und Aspekte sich de facto wirklich so begegnen wie das berühmte Beispielpaar des Comte de Lautréamont: Nähmaschine und Regenschirm auf einem Seziertisch.Oder wie bei André Breton:Der Surrealismus ist der unsichtbare Strahl, der uns eines Tages unsere Gegner besiegen lassen wird.Mittlerweile möchte man ihm Recht geben, wenn man sich die diversen Diskrepanzen zu Herzen nimmt, derer man gewahr wird, egal wohin man schaut. Obwohl diese Missverhältnisse einem Surrealismus entspringen, der mit Kunst überhaupt nichts mehr zu schaffen hat.“

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