Interview mit Hans Castrup

„Ich behaupte für mich auch die Verlegenheit eines Prinzips“

(Hans Castrup)

(Hans Castrup)

amusio: „Wollen wir uns an dieser Stelle doch mal wieder erden, vielleicht anhand deines Awards des polnischen Magazins High Fidelity für die Lizenzfreie Restwärme: Gerade angesichts deiner diesmal vergleichsweise direkten Produktionsweise erscheint diese Auszeichnung auch als Anerkennung des Außergewöhnlichen…“

Hans Castrup: „Ich bin darüber ausgesprochen überrascht. Und natürlich hoch erfreut. Besonders unter dem Gesichtspunkt, bei dieser Produktion in Sachen Mastering keine Hilfe von außen in Anspruch genommen zu haben, was ich sonst gern tue, da sich in meinem Umfeld einer der genialsten Experten dieses Gewerbes, Martin Englert, befindet, der in seiner Ausrichtung normalerweise eher die gehobene Popmusik bevorzugt, bei mir aber hoch zu lobende Ausnahmen macht, so etwa bei shadowplay. Tatsächlich mag dieses DIY ein entscheidender Auslöser für die Begeisterung der Award-Verleiher gewesen sein. Die Produktion ist insgesamt weniger geschliffen – auch nicht das treffendste Wort vielleicht auf eine eigene Weise, wie du schon sagtest, etwas direkter oder unausgeglichener als andere. Somit anders als das, was sie bei High Fidelity sonst üblicherweise an High-End-Produktionen zur Analyse und Bewertung erhalten. Die Ungewöhnlichkeit macht den Reiz aus. Aber ich möchte auch gar nicht zu viel darüber nachdenken, zumal es auch hier gilt, an die zuvor erwähnten Zweifel zu denken, die angesichts einer verbrieften Wertschätzung natürlich recht sauber von der Denkfläche getilgt werden (lacht).“

amusio: „Im Zusammenhang mit Innerer Dialog # 9 rückt dich Raffaele Pezzella von Unexplained Sounds in die Nähe einer ‚goldenen Tradition‘ elektronischer Musik aus Deutschland. Was mag er damit gemeint haben? Und wie verhältst du dich tatsächlich zur Tradition?“

Hans Castrup: „Ja, das hat Raffaele sehr schön pathetisch formuliert. Wie schon gesagt, jeder Künstler befindet sich in seiner speziellen Verankerungsposition auf den Schultern seiner Vorgänger. Oder wenn man es in meinem Falle formulieren will, seiner Vorreiter, um hier den Begriff der Avantgarde mit einzuflechten. Wobei es die Avantgarde im früheren Sinne nicht mehr gibt, beziehungsweise geben kann, betrachtet man auch nur stichpunktartig die Riesenfülle der Musikproduktionen jenseits dessen, was man als Mainstream bezeichnen möchte. Es ist da sozusagen ein Parallelstream entstanden, der alles bedeckt, was auch nur irgend möglich zu sein scheint. In Sachen Vorbilder würde ich vielleicht Stockhausen benennen, obwohl das Akademische seiner Musik meiner eigenen Auffassung von Komposition überhaupt nicht entspricht. Dann eher eher schon die Herangehensweisen eines John Cage oder Brian Eno. Als einen deutsch geprägten Künstler verstehe ich mich also nur recht bedingt. Ich beziehe meinen Nektar gern von international bewachsenen Blütenwiesen. Nicht vergessen werden sollte auch der Einfluss von Oval und diversen Mille Plateaux-Produktionen in den frühen Neunzigern, die mir die Möglichkeiten aufzeigten wie sich Störgeräusche als musikalische Elemente nutzen lassen, anstatt sie um jeden Preis eliminieren zu wollen. Ich habe in meiner ganzen Produktionsgeschichte – mit Ausnahme von Stimmen aus dem Radio etcetera – nur ein einziges Fremdsample verwendet. Und zwar 1987 auf der Poison Dwarfs LP La Ronde. Wo genau werde ich jedoch nicht verraten (lacht).“

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