Interview mit Jeffrey Roden

„Erst das sinnliche Erlebnis erweckt das Schöne zum Leben“

Jeffrey Roden: "Threads Of A Prayer Volume 1" (Solaire Records)

Jeffrey Roden: „Threads Of A Prayer Volume 1“ (Solaire Records)

amusio: „Und doch kann ich mir vorstellen, dass deine Kompositionen fortan Eingang in die Spielpläne von Konzerthallen nehmen. Oder auch weitere Einspielungen folgen werden. Die Threads Of A Prayer als Repertoire und Programm, vielleicht sogar als Lehrstück – schon mal darüber nachgedacht?“

Jeffrey Roden: „So richtig darüber nachgedacht noch nicht. Aber an sich ist dieser Gedanke schon sehr reizvoll, um nicht zu sagen erregend. Insbesondere interessiert mich dabei der Aspekt der Räumlichkeit. Wie würden meine Stücke in unterschiedlichen Räumen klingen? Das würde ich schon sehr gerne mal in Erfahrung bringen. Und natürlich wäre es auch immens spannend zu erleben, wie andere Pianisten und andere Musiker mein Material verstehen und umsetzen. Aufgrund meiner populärmusikalischen Erfahrung sowie meinem ausgeprägtem Jazzbackground weiß ich um die entscheidende Bedeutung von gegenseitigem Vertrauen innerhalb eines Bandgefüges. Hingegen war ich davon überzeugt, dass es bei der klassischen Musik in dieser Hinsicht nichts zu befürchten gibt. Die Noten sind verbindlich, die Musiker professionell ausgebildet – was soll, salopp formuliert, da schon großartig schiefgehen?

amusio: „Ja, was denn?“

Jeffrey Roden: „Nun, ich habe mich zwischenzeitlich und im positiven Sinne eines Besseren belehren lassen. Als ich die Twelve Prayers für Solopiano einmal in vermeintlich gültiger Form selbst gespielt habe, kam ich auf eine Dauer von rund 33 Minuten. Und ich dachte, dass ich bis an die statthaften Grenzen der Langsamkeit gegangen wäre. Aber Sandro Ivo Bartolli hat es auf 45 Minuten gebracht. Und damit den Prayers erst zu ihrem wahrhaft bestandsfähigen Ausdruck verholfen. Von daher wäre es für mich im Sinne der Erkenntnis natürlich traumhaft, wenn sich weitere Pianisten mit diesem Stück auseinandersetzen würden. Es ist ja auch nicht sonderlich schwer zu spielen (lacht). Aber ich fürchte, es wird recht schwerfallen, es einem Publikum nahezulegen, das Konzertabende mit Liszt oder Chopin gewohnt ist. Ich denke indes schon, dass es gelingen könnte, ein an Hochkunst gewöhntes Auditorium emotional zu berühren.“

amusio: „Das ist sicher auch eine Frage der jeweiligen Interpretation, dem rechten Maß an emotionalem Involvement seitens des Interpreten. Nun, du wirst dich sicher an die euphorische Kritik des Voix des Arts-Magazins erinnern, die ja auch gleich von einem Award begleitet wurde. Reibt sich diese dort manifest gewordene Hochachtung vor deiner Musik nicht ein wenig mit deiner Bescheidenheit als Musiker, der offen zugibt, das Handwerk der Komposition nicht erlernt zu haben?“

Jeffrey Roden: „An dieser Kritik hat mir vor allem die Aufforderung des Autors gefallen, das Album aufmerksam zu hören. Wir machen uns doch alle schuldig, indem wir Musik oder auch Literatur und Film oftmals nur sträflich oberflächlich rezipieren. Doch die Review stellt klar: Wenn du diese Platte nicht konzentriert hörst, wird sie dir nichts bedeuten. Was meine Bescheidenheit betrifft, so kann ich nur von dem Gefühl der eigenen Unerheblichkeit berichten, wenn man in einem Atemzug mit Strawinski oder Beethoven genannt wird…“

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!