Interview mit Jeffrey Roden

„Erst das sinnliche Erlebnis erweckt das Schöne zum Leben“

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

amusio: „Du hast die Herausforderung angenommen, dich als profilierter Musiker zu einem autodidaktischen Komponisten zu entwickeln. Diesen Mut wollte ich im Rahmen meiner Review betonen, als ich davon sprach, dass du nicht um die Gnade der künstlerischen Integrität gebettelt hast. Es ist dir gelungen, den Versuchungen erlernter Theorie deine Unschuld entgegenzustellen. Oder liege ich mit dieser Einschätzung daneben?“

Jeffrey Roden: „Unschuld ist ein schätzenswerter Begriff. Sie zu wahren, fiel mir relativ leicht, da mir jederzeit klar war, dass ich niemals zu studierten Komponisten würde aufschließen können. Auch weil ich das auch überhaupt nicht beabsichtigte. Mein Mentor Ian Krouse hat meine Herangehensweise immer wieder in etwa so beschrieben: Du machst Sachen, die ein richtiger Komponist niemals tun würde. Du verfolgst Ideen, die du eigentlich ad acta legen müsstest. Aber weil du nicht weißt, was du da tust, funktioniert es. Das hat mich immer wieder ermutigt. Und sicher nicht zu Mangelerscheinungen meines Egos geführt (lacht). Aber selbst wenn ich heute Musik höre, werfe ich keinen Blick auf die Partituren. Ich erfasse die in der Musik enthaltenen Ideen und Bilder allein über das Zuhören. Auch um diese vielleicht für mich verwerten zu können. Um über das Hören allein zu lernen. Und von daher hast du recht: Ich bettele nicht um den totalen Durchblick eines intellektuellen Verständnisses.“

amusio: „Auch deine Intuition würde vermutlich an zu viel Theorie Schaden nehmen…“

Jeffrey Roden: „Wann immer ich es mit studierten Musikern zu tun hatte und Improvisation gefordert war, hieß es in schöner Regelmäßigkeit: ‚Sorry, aber ich kann das nicht. Ich brauche Noten, gib mir um Himmels Willen Noten! OK, das war jetzt vielleicht etwas überspitzt, aber die Überforderung war stets allgegenwärtig. Also habe ich dann darum gebeten, einfach mal die C-Dur Tonleiter in sämtlichen Kombinationen zu spielen, um zumindest ein wenig lockerer zu werden. Den immensen Wert einer akademischen Ausbildung will ich keineswegs in Abrede stellen. Aber sie scheint mir nicht hilfreich, wenn es darum geht, individuelle Entscheidungen zu treffen. Ich hingegen weiß, dass mir für die fachmännische Erschließung von unzähligen musikalischen Welten die technischen Voraussetzungen fehlen. Aber ich werde mir immer meine eigene Stimme erhalten. Und dabei auch auf meinen gesunden Menschenverstand vertrauen. Darum habe ich auch kein Problem damit, mich für jene Richtungen zu entscheiden, in die mich meine musikalischen Reisen führen sollen.“

amusio: „Ist die Orchestrierung nicht ohnehin wichtiger als die Komposition? Und erfordert die Kunst der Orchestrierung nicht noch mehr Knowhow?“

Jeffrey Roden: „Sicher tut sie das. Und ich versuche, das auch zu beherzigen. Da stößt du einen wunden Punkt an. Willst du etwa persönlich werden? (lacht) Ich kann dir nur versichern, dass ich an der Orchestrierung am härtesten arbeite…“

amusio: „Von Ian Krouse bist du darauf hingewiesen worden, dass es stets darauf ankommt, zu erkennen, ob ein musikalischer Ausdruck seine Wiederholung, Ausdehnung oder Weiterentwicklung rechtfertigt. Doch wie lässt sich diese Kompetenz erlangen? Über Erfahrungswerte oder doch eher über das Vertrauen auf eine persönliche Strategie?“

Jeffrey Roden: „Das ist sehr schwer zu beantworten. Darum versuche ich es auch erst gar nicht. Aber deine Frage erinnert mich wieder an das Hauptproblem des klassischen Trainings: Der Fokus hat dort immer auf den technischen Aspekten zu liegen. Bei der Popmusik liegt der Fokus hingegen darauf, keinen Konzentrationsverlust beim Zuhörer zuzulassen. Ein Popsong muss von A bis Z fesseln, sonst wird er nie wirklich populär. Auch das erachte ich als große Kunst, die zwar auch vom Können kommt, zugleich jedoch auch vom Instinkt geleitet wird. Und ähnlich instinktiv begebe auch ich mich auf meine Suche. Auf eine Suche nach dem Interessantesten, dem Wertvollsten, dem Schönsten. Und das auch im Sinne des Zuhörers. Ich will den Hörer irgendwohin führen oder zumindest begleiten. An einen Ort, der sogar dann noch Bestand hat, selbst wenn die Musik bereits wieder verklungen ist.“

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