Interview mit Jeffrey Roden

„Erst das sinnliche Erlebnis erweckt das Schöne zum Leben“

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

amusio: „Mir scheint die Suche nach dem Schönsten besonders hinterfragenswert. Zeichnet sich Schönheit durch eine Autonomie aus, mit der sie gegenüber faktischer Zweckgebundenheit auf Distanz geht?“

Jeffrey Roden: „Schönheit ohne Zweck?! Ein gleichermaßen eigenartiger wie tiefsinniger Gedanke.
Für mich entspricht Schönheit eher einem Gefühl als einem Kriterium. Auch im Sport ist Schönheit allgegenwärtig. In der Natur sowieso. Die Frage ist doch, wie ich auf diese Reize reagiere, was sie in mir auslösen. Mir beschert Schönheit spirituelles Vergnügen und Lebensfreude.“

amusio: „Zum Fundament des Schönen mag auch eine harmonische Balance aus Klang und Stille, eine Ausgewogenheit hinsichtlich von Präsenz und Absenz der Erscheinungen beitragen…“

Jeffrey Roden: „Und das Fundament meiner Arbeit besteht darin, diese Balance für mich selbst zu erlangen, um sie anschließend für den Hörer erfahrbar zu machen. Ich bin kein unbewegter Beweger. Und wenn ich etwas nur zu Papier bringe, genügt dies nicht, um Schönheit erfahrbar zu machen. Erst das sinnliche Erlebnis erweckt das Schöne zum Leben.“

amusio: „Offenbar legst du in diesem Zusammenhang gehobenen Wert auf Stille. Erweist sich die Stille dir gegenüber als Ausdruck einfacher Klarheit oder eher als schier unendlich dynamisierte Fülle?“

Jeffrey Roden: „Stille ist so unfassbar wie notwendig. Ich kenne einen Ort, an dem eine Stille herrscht, die in den Ohren wehtut. Aber generell ist die Stille mit dem Atmen vergleichbar. Und sie sollte eingesetzt werden, um dem Hörsinn die Gelegenheit zu geben, das zuvor Gehörte zu verarbeiten. Und um sich auf die nächsten akustischen Reize vorzubereiten. Also setze ich Stille in meiner Musik sehr strukturell ein. Denn je länger ich mich mit Musik beschäftige, desto mehr bereitet mir Musik, die mir keine Pause und keinen Moment des Durchatmens gönnt, Probleme. Ein Großteil der existierenden Musik scheint mir in Klang ertränkt zu sein. Dieser omnipräsenten Reizüberflutung setze ich gerne die für mich unverzichtbare Qualität der Stille entgegen. Ich hasse Lärm.“

amusio: „Und mit ihm auch das überhitzte, atemlose Drama in der Musik?“

Jeffrey Roden: „Zumindest versuche ich mich diesem Drama zu entziehen. Aber – wer mag kein Drama?! (lacht)“

amusio: „Du bezeichnest deine Musik als Musik von dem anderen Ort. Und nicht etwa als Musik für einen anderen Ort. So gesehen handelt es sich bei deiner Musik um Field Recordings. Eine charmante Deutung?“

Jeffrey Roden: „Das ist was Wahres dran. Field Recordings sollten ja eine Erfahrung vermitteln, die einem ansonsten wahrscheinlich für immer verwehrt bleibt. Und das sollte auch meine Musik leisten. Sie soll den Hörer in die Lage versetzen, an einen anderen Ort zu gelangen. Und mich eventuell sogar dorthin begleiten, wohin es mich mit der Musik zieht. Musik als Selbstzweck ist zwecklos. Ja, die Analogie zu den Field Recordings ist brillant!“

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