Interview mit Jeffrey Roden

„Erst das sinnliche Erlebnis erweckt das Schöne zum Leben“

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

amusio: „Wie ist dieser andere Ort beschaffen? Führt seine Topologie nicht früher oder später zum Glauben? Zum Glauben an einen verborgenen Sinn des Lebens als Summe aus Erfahrungen und im Hinblick auf seine endliche Kontinuität?“

Jeffrey Roden: „Man muss meiner Musik nicht zwangsläufig Glauben schenken. Im Idealfall wird mit ihr jeder Hörer zu seinen eigenen Orten im Anderswo aufbrechen. Es widerstrebt mir, die Erfahrungen des Hörers auf meinen Erfahrungshorizont hin zu limitieren. Meine Musik soll ein dienliches Vehikel sein. Über den Zweck, ich spiele gerade noch mal auf das von dir eingebrachte Kriterium des Schönen an, erhält sie ihren Wert. Als Angebot und Chance, diesem verrückt konfusen Leben auch mal entkommen zu können. Sei es in Form von Wellness, oder in Form einer Nähe zu Gott.“

amusio: „Ich war mir nicht sicher, ob ich Gott ansprechen sollte. Aber nicht zuletzt wendest du dich mit deinen Twelve Prayers ja auch direkt an ihn…“

Jeffrey Roden: „Sicher zählen diese Entäußerungen und Anrufungen zu meiner spirituellen Praxis. Doch wie es tatsächlich um sie bestellt ist, bleibt privat. Ich will beileibe nicht missionieren. Höchstens zur Transzendenz anstiften.“

amusio: „Ein Konzert kann ein Gottesdienst sein…“

Jeffrey Roden: „Weil sich die Abmachung ähnelt. Es handelt sich in erster Linie um Veranstaltungen für das Publikum. Warum sollten sich Priester oder Musiker sonst die Mühe geben? Man tut es für andere, erst im Nachgang für sich selbst. So leisten Spiritualität und Musik einen funktionalen Beitrag zum menschlichen Wohlergehen. Priester und Live-Musiker tun gut daran, sich dieser Anforderung immer mal wieder bewusst zu werden.“

amusio: „Du beschwerst dich über Musik, die vor Densität und lauter Texturen nur so strotzt. Hast du denn auch eine Erklärung parat, warum so viel Wert auf womöglich verschleierndes Beiwerk gelegt wird? Liegt dem ein musikalischer Wettbewerb zugrunde? Oder tatsächlich der uneingestandene Versuch, sich vor der Essenz zu verstecken oder von ihrem Mangel abzulenken?“

Jeffrey Roden: „Die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Technologie sind die wahren Verführer zur Uneigentlichkeit. Hinzu kommt die Furcht der Menschen vor unmittelbarer Tonalität. Also wird die Klarheit des Ausdrucks bevorzugt mit überzogener Dichte und inflationär eingesetzten Texturen zugekleistert. Eine Methode, die dem Profimusiker und seinen Profilneurosen schmeichelt. Für sie sind Komplexität und Virtuosität ein entscheidender Gradmesser. Aber – kommt es darauf wirklich an? Entziehen sich Musiker in ihrer Versessenheit auf das eigenen Können nicht zu sehr von der Kommunikation mit dem Zuhörer? Von diesem Verdacht schließe ich improvisierende Musiker freilich aus. Denn bei aller Selbstverliebtheit dringt bei der Improvisieren stets die eigene Persönlichkeit nach außen. Und das schätze ich sehr, zumal die Menschen ganz allgemein leider viel zu viel Angst haben, um das zum Ausdruck zu bringen, was sie wirklich denken und fühlen.“

amusio: „Und doch gelten reichlich und überreichlich eingesetzte Texturen als Qualitätsmerkmal, so etwa auch bei Ambient Music oder diversen Metal-Spielarten…“

Jeffrey Roden: „Die Frage ist ja, ob die Texturen effektiv notwendig sind. Mahler muss seine Texturen haben, die kannst du ihm nicht wegnehmen. Aber die Antwort bleibt letztlich Geschmackssache. Und darum bin ich recht zuversichtlich, dass sich der Geschmack auch wieder ändern wird, dass das Pendel wieder zugunsten von Reduktion und Klarheit ausschlägt.“

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