Interview mit Jeffrey Roden

„Erst das sinnliche Erlebnis erweckt das Schöne zum Leben“

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

amusio: „Alles ist Veränderung, alles ist dem Wandel und somit der Zeit unterworfen. Und so ich an die Zeit denke, denke ich an die Vergänglichkeit. An Sterblichkeit. Popmusik lässt die Zeit vergessen. Deine Musik macht hingegen das Vergehen der Zeit – und somit ihren Wert – spürbar. Welchen Deal gehst du emotional oder intellektuell mit deiner Zeiterfahrung ein?“

Jeffrey Roden: „Das ist selbstredend ein höchst interessantes Thema. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich so wichtig ist. Die Zeit vergeht so oder so, egal ob du nun sehr bewusst Zeit auf meine Musik verwendest oder sie bei anderer Musik wie im Fluge vergehen lässt. Ich selbst empfinde Zeit nicht unbedingt im Sinne ihres Vergehens. Ich existiere, that’s it. Ich möchte meine Hörer gerne im Moment halten. Und nicht immerzu nur Versprechen geben, auf das was noch kommt und Vorläufigkeiten erzeugen. Musik kann dich ja auch in Zeiten zurückversetzen und Erinnerungen sehr real aufleben lassen. Mein Ansatz ist es, eine Musik zu kreieren, die den Hörer dem Sog der Zeit entzieht und ihn befähigt, im Jetzt zu leben. Ich bin sogar der Ansicht, das Musik hierbei ihrem eigentlichen Wesen entspricht. Ganz gleich, wo sie stattfindet oder wie sie im Einzelfall klingt.“

amusio: „Und dennoch ist die Erfahrung von Musik, so sie nicht als Ohrwurm oder in einer milderen Form des erinnert Werdens den außermusikalischen Alltag begleitet, eine Investition von Zeit. Ich frage mich in diesem Zusammenhang ab und an, wie ich mich zur Musik verhalten würde, wenn ich wüsste, dass ich nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte. Was würde ich dann noch hören wollen? Vielleicht ein letztes Mal? Oder würde ich mit der Musik brechen, da sie mich von etwas abhalten würde, was mir in dieser Situation wesentlicher oder wichtiger erschiene? Kannst du derlei Gedanken nachempfinden?“

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

Jeffrey Roden (Anna Fischer)

Jeffrey Roden: „Ich kann sie verstehen, persönlich aber nicht nachempfinden. Dafür fühle ich mich zu wenig mit der Zukunft verbunden. Das mag daran liegen, dass mein Leben stets vollkommen anders verlaufen ist, als es eventuell mal geplant war. Als Lehre daraus empfinde ich das Nachdenken über das, was da noch kommt, als Zeitverschwendung. Wenn ich wüsste, dass ich nur noch ein halbes Jahr übrig hätte? Ich würde einfach weitermachen, auch mit der Musik. Mit meiner Frau und meinem Hund an einem ruhigen Ort weiterarbeiten, bis zum Ende. Das mag jetzt etwas aufgesetzt klingen, aber ich bin tatsächlich geradezu besessen von dem, was ich tue. Also habe ich weder Zeit noch Lust, mich um Eventualitäten zu kümmern oder ins Grübeln zu geraten. Ich lebe für den Tag. Weißt du, ich habe jahrelang in schmierigen Bars den Bass gezupft. Und heute komponiere ich Streichkonzerte, die sogar aufgenommen und eventuell auch aufgeführt werden. Dass das Leben auch schöne Überraschungen bereithalten kann, sollte man stets im Hinterkopf bewahren.“

amusio: „Wirst du denn auch wieder zu deinem Bass zurückkehren?“

Jeffrey Roden: „Oh je, Volltreffer! Denn der Bass ist das Einzige in meinem Leben, womit ich nicht zufrieden bin. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, was ich mit ihm noch anstellen soll. Gut, ab und an helfe ich mit ihm bei Pop-Produktionen im Studio aus. Aber wie soll ich für den Bass komponieren? Wie kann ich ihn an einen Ort tragen, an dem er zuvor noch niemals war? Der Bass, er will immer ein Traktor sein. Und den Traktor-Führerschein besitze ich seit Jahrzehnten. Aber ich will ihn nicht länger als Traktor verwenden, lieber als Segelschiff oder Segelflieger. Denn der Bass gibt mir etwas, was mir kein anderes Instrument geben kann. Also widme ich ihm einen guten Vorsatz fürs neues Jahr.“

amusio: „Hast du auch noch einen zweiten?“

Jeffrey Roden: „Wir beabsichtigen, bald meinen Neffen zu besuchen, den es nach Finnland verschlagen hat und dort vor kurzem Vater geworden ist. Und wenn ich dann schon in der Nähe bin, will ich nach Estland fahren und dort Arvo Pärt stalken (lacht). Bei ihm anklopfen, seine Hände schütteln und nach Möglichkeit nicht sofort wieder gehen. Das wäre – dann auch wieder – schön.“

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