Interview mit Lawrence English

„Indem wir spüren, dass nichts selbstverständlich ist, ermächtigen wir uns selbst“

Der bevorzugt von seiner Heimatstadt Brisbane aus operierende Komponist, Medienkünstler und Kurator Lawrence English stellt am 17. Februar auf dem eigenhändig gegründeten (und längst höchstes Ansehen genießenden) Room40-Label sein gefühlt zwanzigstes Album unter eigenem Namen vor: Cruel Optimism. Nachdem er sich im vergangenen Jahr mit seiner fantastischen Luc Ferrari-Reminiszenz Approaching Nothing als Meister atmosphärisch verbindlicher Field Recordings und an der Seite von Jamie Stewart (Xiu Xiu) als Hexa der Photokunst eines David Lynch alle Ehre erwies, überzeugt auch sein neues Werk mit einer Dichte, Intensität und Gedankentiefe, die den Wunsch, sich einmal in Ruhe mit dem wegweisenden Multitalent unterhalten zu können, mehr als rechtfertigt.

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Lawrence English: "Cruel Optimism" Ausschnitt (Room40)

Lawrence English: „Cruel Optimism“ Ausschnitt (Room40)

amusio: Auf deiner Website listest du 25 deiner letztjährigen Lieblingsplatten auf. Als Musikjournalist, der wöchentlich mit Dutzenden von Veröffentlichungen konfrontiert wird, frage ich mich, wie es dir als immens fleißigem Musiker gelingt, dir noch Zeit für die Arbeiten von Kollegen zu nehmen. Und so zahlreich persönliche Favoriten benennen zu können.“

Lawrence English: „Es herrscht heutzutage sicherlich ein Überfluss an Musikveröffentlichungen. Und somit auch ein Zuviel an Musik, die es verdient, dass man sich intensiv mit ihr beschäftigt und auseinandersetzt. Das ist für einen Einzelnen sicher nicht zu schaffen, ich verstehe dein Problem. Ich denke, wir haben es hinsichtlich der Art und Weise, wie wir Musik konsumieren, mit einer grundlegenden Verschiebung zu tun. Früher gab es hier in Brisbane drei Läden, in denen es interessante Musik zu kaufen gab. Da es sich zumeist um Importe handelte, war das aber ein recht kostspieliges Vergnügen. Eine LP kostete durchschnittlich etwa 25 Euro, eine Kassette rund 15 Euro. Vor diesem Hintergrund konnte man den Kauf von Musik als finanzielles Investment verstehen. Man entschied sich sehr bewusst für den Kauf einer Platte, weil man sich gleichzeitig keine zweite leisten konnte. Dafür musste dann aber auch der return on investment stimmen. Also hörte man seine wertvollen Besitztümer immer und immer wieder, zumal das Format der Kassette das lineare Hören noch begünstigte. Auf diese Weise kam man auch auf den Trichter, was einen an der erworbenen Musik so begeisterte. Und wie sich so ein stets wiederkehrendes Interesse überhaupt erst entwickeln konnte.“

Lawrence English (Traianos Pakioufakis)

Lawrence English (Traianos Pakioufakis)

amusio: „Ein Interesse, das angesichts der heutzutage inflationären Verfügbarkeit von Musik und der mit ihr einhergehenden Entwertung verflachen muss?“

Lawrence English: „Insbesondere wenn wir das Streaming hinzuziehen, kann von einem substanziellen Finanzaustausch wirklich nicht mehr die Rede sein. Die Währung, mit der Musiker und ihre Hörer heute bezahlen, ist Zeit. Ich investiere Zeit in meine Musik und hoffe dabei, dass es Hörer geben wird, die meine Leistung wiederum mit dem unwiederbringlichen Gut ihrer Zeit honorieren. Also sollte ich mir verdammt viel Mühe geben, immaterielle Werte zu erschaffen, die das temporäre Investment meiner Hörer auch rechtfertigen (lacht).“

 amusio: „Und auch du bist gerne bereit, deine Zeit zu opfern?“

Lawrence English: „Ich bin dadurch begünstigt, dass ich eine ganze Reihe von Musikern zu meinen lieben Freunden zähle. So bin ich auch des Öfteren mehr oder weniger in den Entstehungsprozessen involviert. Dass ich mich den Arbeiten von Freunden, Bekannten und mir zuvor unbekannten Musikern widme, ist meine Wertschätzung ihres Talents. So habe ich dieser Tage mich schon intensiv mit dem neuen Album meines Freundes Jamie Stewart, Xiu Xiu, auseinandersetzen dürfen. Es ist einfach atemberaubend! In diese Kategorie gehört auch das neue Solopiano-Album von Chris Abrahams. Er ist ein Gott! Und auch die neue Single meiner Freundin Liz Harris ist aller Ehren wert. Eingestandenermaßen führen meine persönlichen Beziehungen schon zu einer Art subjektiver Wahrnehmung (lacht).“

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