Interview mit Lawrence English

„Indem wir spüren, dass nichts selbstverständlich ist, ermächtigen wir uns selbst“

Lawrence English: "Cruel Optimism" (Room40)

Lawrence English: „Cruel Optimism“ (Room40)

amusio: „Dann lass uns jetzt mal über dein neues Album – Cruel Optimism – reden. Nicht nur im Titel referierst du auf die gleichnamige Schrift der US-amerikanischen Philosophin Lauren Berlant. Ich würde ihren Kerngedanken folgendermaßen paraphrasieren: Anhand unserer Affekte, die sich zu Obsessionen ausbilden, klammern wir uns an Beziehungen und vernachlässigen so unsere wahren Bedürfnisse. Die Objekte unserer Beziehungen spielen also nur eine untergeordnete Rolle. Unsere Affekte führen zur generellen Blockade. Greift dein Album diese Lesart auf?“

Lawrence English: „Zunächst möchte ich betonen, dass Lauren Berlant zu den wichtigsten Theoretikern gehört, die ich je gelesen habe. Ihre Kritik des Cruel Optimism scheint mir heute mehr denn je eine gleichermaßen brillante wie wegweisende Analyse dessen zu beinhalten, was in geopolitischer Perspektive Fragen von Identität, von Anspruch und normativer Gewöhnung aufwirft. Im Hinblick auf mein neues Album hat mich ihr Denken und Schreiben hinsichtlich der von dir angesprochenen Affekttheorie sowie ihrer Trauma-Analyse in besonderem Maße bewegt. Ich denke, dass ihr Affekt-Konzept auch im Hinblick auf unsere Wahrnehmung von Klang und Musik höchste Relevanz besitzt. Das Hervorbrechen des Unterbewussten wird durch Musik wohl stärker begünstigt als durch jedes andere Medium. Aber der gesamte menschliche Körper wird von ihr in Beschlag genommen. Klang ist auf einzigartige Weise imstande, vom Körper Besitz zu nehmen und seine auch unwillkürlichen Affekte zu beeinflussen. Erst nach und nach wird man sich dieser Tragweite bewusst. Und somit auch den politischen Implikationen. In dieser Hinsicht hat mir Lauren Berlant die Augen geöffnet. Und meinen Verstand, wie auch meine Sinne, für die tiefschürfenden Bedeutungsebenen, die meinen Umgang mit Klängen begleiten, sensibilisiert und geschärft.“

Lawrence English (Traianos Pakioufakis)

Lawrence English (Traianos Pakioufakis)

amusio: „Bereits dein Vorgängeralbum war von Lauren Berlants Schriften beeinflusst. Während Wilderness Of Mirrors den Eindruck erweckte, als beschreibe es eine zirkuläre Bewegung, die sich nur zögerlich einem prekären Kern nähere, scheint Cruel Optimism auf einen vergleichsweise direkten Konfrontationskurs zu gehen und in gewisser Weise sogar Lösungsansätze zu verfolgen.“

Lawrence English: „Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt Lösungen gibt. Allgemein formuliert denke ich, dass unser Hauptproblem bei der Fixierung auf irgendwie brauchbare Antworten aufzufinden ist. Und bei der Weigerung, bessere Fragen zu stellen. Ich glaube nicht, dass wir die richtigen Fragen stellen. Wenn eine Frage schwach oder brüchig gestellt wird, darf sie sich keine konsequenten Antworten erhoffen. Hinzu kommt die immer gravierendere Komplexität der Themen. Es fällt schwer genug, auch nur einzelne Aspekte einigermaßen vernünftig zu hinterfragen, um sie anschließend auch zu verstehen. Die Situation in Syrien ist hierzu nur ein Beispiel besonderer Dringlichkeit. Dabei bleibt es jedoch von größter Wichtigkeit, nicht aus den Augen zu verlieren, dass es sich im Kern jeglicher Situation stets um den Menschen handelt. Und um Menschen, die unter drastischen Bedingungen leben und leiden. Es fällt oftmals zu leicht, das zu übersehen.“

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