Interview mit Lawrence English

„Indem wir spüren, dass nichts selbstverständlich ist, ermächtigen wir uns selbst“

Lawrence English: "Cruel Optimism" inverted (Room40)

Lawrence English: „Cruel Optimism“ inverted (Room40)

amusio: „Lässt sich diese Ignoranz überwinden?“

Lawrence English: „Ich hoffe, dass sich die Menschheit, im weitesten Sinne ihrer Kommunikationsfähigkeit, zueinander bekennt und sich einer Diskussion stellt, die davon ausgeht, dass alles im Werden begriffen ist. Es herrschen viel zu viele festgeschriebene Positionen. Von diesem Denken a priori sollten wir uns befreien. Einen Schritt zurücktreten und mit einer frischen Kultur des Fragens neu ansetzen. Fragen nach dem Sinn von territorialen Grenzen gilt es ebenso zu stellen, wie die nach Identität oder Sexualität. Ganz allgemein müssen wir Gerechtigkeit neu denken. Wir sind alle miteinander verbunden, wir bilden einen Zusammenhang. Die Vorstellungen, die man sich noch im vergangenen Jahrhundert von einer heilen Welt gemacht hat, sind längst zu obsoleten Postkartenmotiven verkommen. Unsere Zukunft ist völlig unvorhersehbar geworden. Darum liegt es an uns, die Kräfte zu bündeln. Und eine Normalität jener Unterschiede zu respektieren, die allen menschlichen Gesellschaften doch erst ihren Reiz und ihre Würde verleiht. Es wird nicht einfach sein, die hierzu notwendigen Gespräche Tag für Tag zu führen, wobei ich fürchte, dass auch das Web 2.0 bis dato eher dazu beigetragen hat, die Kommunikation zu erschweren. Aber wir sollten den allumfassenden Dialog wenigstens versuchen. Und sehr aufmerksam einander zuhören.“

amusio: „Diesem dialogischen Miteinander hast du dich auf Cruel Optimism geöffnet…“

Lawrence English: „Tatsächlich habe ich bei meinen Solo-Projekten zuvor kaum kollaboriert. Bei Cruel Optimism sollte alles sein. So habe ich sehr viel Zeit im Studio verbracht, um im Sinne des Sounds eine ganze Reihe von neuen Herangehensweisen zu entwickeln und zu erproben. Ich wollte sowohl die Verdichtung als auch die harmonische Verzerrung weiter intensivieren. Fast schon wie Lemmy in Bezug auf Lautstärke: ‚Everything denser than everything else’. Dabei habe ich herausgefunden, dass Verdichtung und Amplitude nicht unbedingt im Verhältnis stehen. Ich wollte herausfinden, wie weit ich diese und andere Erkenntnisse vorantreiben kann. Und ich glaube, dass meine Versuche Früchte tragen.“

amusio: „Jetzt sprichst du aber nur von dir…“

Lawrence English: „Was die tatsächlichen Kooperationen auf Cruel Optimism betrifft, so kann ich zunächst nur bekräftigen, dass Zusammenarbeit eine optimistische Grundstimmung begünstigt und ein immens stimulierendes Arbeitsklima schafft. Wenn Musiker wie Norman Westberg oder Chris Abrahams auf deine Provokationen und Ideen reagieren, ist das nahezu immer eine ungemein inspirierende Angelegenheit. Oder wenn Vanessa Tomlinson ein völlig neues Rhythmusgefühl für einen Track vermittelt, das dann von Tony Buck mit verblüffenden Perkussionstexturen aufgegriffen wird. Oder wenn Thor Harris seinen Beitrag leistet, obwohl er ein Harmonieverständnis pflegt, das sich von meinem doch sehr stark unterscheidet. Mit den Gastbeiträgen auf Cruel Optimism bin ich wahrlich mehr als reich beschenkt.“

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!