Interview mit Lawrence English

„Indem wir spüren, dass nichts selbstverständlich ist, ermächtigen wir uns selbst“

Lawrence English (Traianos Pakioufakis)

Lawrence English (Traianos Pakioufakis)

amusio: „In deinen Liner Notes betonst du die Auseinandersetzung mit der Strukturen und den Architekturen von Macht. Bist du der Ansicht, dass diese Strukturen unvermeidlicherweise bipolar ausgelegten Architekturen zugrunde liegt? Etwa in dem Sinne, dass es sich um eine zweischneidige Angelegenheit handelt, wenn wir davon sprechen, Macht zu spüren?“

Lawrence English: „Die Art und Weise, wie sich Macht manifestiert, ist hochgradig seltsam und komplex. Eine Reduktion auf das binäre Macht haben / keine Macht haben reicht da alleine nicht aus. Ich denke, es gibt Mittel und Wege, die zu Formen von Macht führen, die außerhalb dieses Paradigmas aufzufinden sind. Schließlich ist die Macht ja auch davon abhängig, dass ihren Objekten Wert zugeschrieben wird. Hierin keimt meine Hoffnung: Normative und somit vielfach grausame Machtstrukturen können so desavouiert und außer Kraft gesetzt werden. Indem wir spüren, dass nichts selbstverständlich ist – weder eine gewisse Lebensqualität, noch die Macht, die sich hinter diesem Qualitätsversprechen verbirgt – ermächtigen wir uns selbst. Und lassen uns nicht länger von den Repräsentationsformen der Leistungsgesellschaft blenden. Doch scheint dieses Bewusstsein der eigenen Kollektivmacht von einer Wolke des materiellen Anspruchsdenkens verhangen zu sein. Dabei sollte uns, die wir in den wirtschaftlich entwickelten Regionen leben, doch klar sein, dass vieles von dem, was wir heute in Form von Standards genießen und dessen Verlust wir nun fürchten, gar nicht auf unserem Mist gewachsen ist.“

amusio: Nehmen wir mal den Track Negative Drone samt seiner Doppelbedeutung als Schlüssel zum pointierten Verständnis von Cruel Optimism. Was würden wohl Musiker wie Terry Reily, La Monte Young oder William Basinski mit diesem Begriff anfangen?“

Lawrence English: „Das ist eine gute Frage, auch wenn ich sie natürlich nicht verbindlich beantworten kann. Terry Reily ist ein so unglaublich heller und reiner Geist, ein strahlender Stern! Ich bin mir sicher, dass er niemals in diese negative Richtung abdriften könnte. Das gilt auch für William Basinski, ich durfte schon mit beiden einige Zeit verbringen. Von La Monte Young kann ich das leider nicht behaupten, aber ich habe höchsten Respekt für seinen Einfluss auf die Durational Music. In Bezug auf die Technologie der Drohnen, kommt in diesem Track meine Besorgnis zum Tragen, dass Drohnen erst im Foucaultschen Sinne, also im Diskurs, nachvollziehbare Formen annehmen. Und in ihrer Tragweite, auch als Waffengattung, konstruiert und somit verstanden werden. Durch den Einsatz von Drohnen verändert sich der Charakter von Kriegsführung und Überwachung auf fundamentale Weise. Auch die Verhältnismäßigkeit vom Nutzen-Wollen und dem Erdulden-Müssen wird nebst vielen weiteren Implikationen tangiert, von denen die meisten Menschen noch nicht mal eine Ahnung haben. Am allerwenigsten wohl diejenigen, die nicht das Glück haben, sich darüber Gedanken machen zu können, wenn über ihnen eine Drohne auftaucht.“

amusio: „Und dann noch nicht einmal dröhnen. Und doch erinnert mich dein thematisches Anliegen auf Cruel Optimism an den Konnex der klanglichen Kriegsführung, wie ihn zum Beispiel Steve Goodman (Kode 9) beschreibt…“

Lawrence English: „Steve Goodman’s Ontologie der Schwingungen ist einer der wichtigsten Beiträge zur gegenwärtigen Philosophie des Klangs. Und ich kann dir versichern, dass ich ihm meine Ansicht persönlich versichert habe. Er zielt damit auf eine der wichtigsten Fragen im Hinblick auf unser Verhältnis zum Klang. Zurzeit stehe ich im Dialog mit James Parker, der gerade eine akustische Rechtslehre entwickelt, die wahrscheinlich eine Lawine lostreten wird, wenn es um das zukünftige Verhältnis von Klang und Gesellschaft geht. Viel zu lange haben wir Geräusche und Klänge nur als flüchtig, ephemer oder auch arbiträr anerkannt. Dabei haben wir es versäumt, uns theoretisch, philosophisch und juristisch diesem Phänomen samt all seiner Bezugspunkte in unserem Leben anzunehmen. Aber hier ist in letzter Zeit vieles in Bewegung geraten, auch wenn sich nur eins mit Sicherheit sagen lässt: Dieser neue wissenschaftliche Fokus wird zunächst dazu führen, dass sich weitere Dimensionen auftun, die es anschließend zu erforschen gilt.“

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