Interview mit Lawrence English

„Indem wir spüren, dass nichts selbstverständlich ist, ermächtigen wir uns selbst“

Lawrence English: "Cruel Optimism" Ausschnitt (Room40)

Lawrence English: „Cruel Optimism“ Ausschnitt (Room40)

amusio: Bei der Auseinandersetzung mit Cruel Optimism dachte ich auch an das Album Brute von Fatima Al Quardi, wobei sie dort in erster Linie das Thema des LRAD (Long Range Acoustic Devices, Schallkanonen) angeht, wie es von US-Streitkräften verwendet wird. Hat dieser Aspekt auch Eingang auf deinem Album gefunden?“

Lawrence English: „Ja, ich habe sogar direkt auf derartige Apparaturen Bezug genommen. Indem ich Klangdokumente ihres Einsatzes in Form von subliminalen Agitatoren eingebaut habe, befinden sich Spuren und Sporen auf dem Album. Im Zeitraum seines Entstehens habe ich mich näher mit dem gesamten Bereich des exekutiv beziehungsweise militärisch angewandten Schalls beschäftigt. Ich wollte herausfinden, wer alles damit zu tun hat und wie Forschung, Beschaffung und Ausbildung ineinandergreifen. Ganz in der Nähe meines Wohnorts trainiert übrigens die australische Luftwaffe, da bin ich also recht nah dran.“

amusio: „In Deutschland wurde soeben ‚postfaktisch‘ zum Wort des Jahres 2016 erklärt. Ließe sich diese hierin zum Ausdruck kommende Tendenz anhand einer Art Avant-Aufklärung entkräften? Und wie könnten Klang und Musik dazu beitragen?“

Lawrence English: „Statt von ‚postfaktisch‘ sollte man vielleicht eher von ‚Post-Wahrheit‘ sprechen. Oder wäre das ein Ausdruck der Ironie? Wahrheit ist immer eine Konstruktion, während ein Fakt allein schon aus logischen Gründen nicht diskutierbar ist. In Bezug auf den Klang und seine politische Verwertbarkeit sollten wir vielleicht Verwirrung stiften. Mit verschwommenen Fragen. Und mit einer Musik, die sich den gängigen Definitionen entzieht. Avantgarde. Aber leider hat die Musik ihre Fähigkeit, auch politisch oder intellektuell etwas in Bewegung zu setzen, längst eingebüßt. Andererseits ermutigen mich immer wieder Gespräche über Musik, so auch dasjenige, welches wir gerade führen. Oder wenn ich an meine Entwicklung denke, die ich von Jugendtagen aus nahm, indem ich mich mit Musik und Musikern beschäftigte, die auch über die Musik hinaus etwas zu sagen hatten. Musik ermöglicht Begegnungen, deren Kraft und langfristige Wirkung einfach nicht zu unterschätzen sind.“

amusio: „Du möchtest also an der Kraft des Dialogs festhalten. Und dabei eher verschwommen oder verwirrend argumentieren. Das könnte angesichts von Mehrheiten, die sich gegenüber den Stimmen der Vernunft zunehmend immun erweisen, sogar funktionieren. Ganz im Sinne von George Michael – ‚Listen without prejudice‘…“

Lawrence English: „Ich frage mich, wen oder was wir überhaupt noch als Mehrheit bezeichnen können. Ob in den USA, in Europa oder hier in Australien: Der Begriff hat in den letzten zwanzig Jahren doch ordentlich Federn gelassen. Die Vorstellung von einer Mehrheit ist doch sehr marginal geworden. Dagegen hatte George Michael mit seiner Aufforderung absolut recht. Irgendwie vermisse ich ihn, denn er hat auf seine Art wichtige Themen, und sei es auch nur das der Sexualität, angesprochen. Wir brauchen Menschen, die eine Anwaltschaft übernehmen, wenn es darum geht, Stereotypen zu zerstören und die ständig wiederkehrenden Tropen und Klischees von Grund auf zu entkräften.“

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